Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt

  • dtv
  • Erschienen: Januar 2026
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Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt
Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt
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Birgit von Domarus
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Belletristik-Couch Rezension vonMai 2026

Die Fundamente einer langen Beziehung zerbröseln.

Wenn der Titel des Buches auch eine ausführliche (siehe Nahaufnahme) Darstellung von typischen Frauenproblemen erwarten lässt, so einfach kann man es sich nicht machen. Sicher ist es die Geschichte von Terese, einer Frau, die anfangs an der Beziehung zu ihrem Mann verzweifelt, aber sie noch nicht gänzlich verloren glaubt. Mit jeder weiteren Seite wird die Misere dieser Ehe klarer, ein Ende unausweichlich. Terese begegnet einer neuen Liebe, die in ihrem Alter fast wie ein Geschenk wirkt, aber irgendwie nicht substanziell verläuft. 

Eine Reise mit Hindernissen

Vigo, der Ehemann von Terese, begibt sich auf eine Reise nach Indien, um für sein Buch zu recherchieren. Aber eigentlich ist es eine Flucht, das wird im weiteren Verlauf schnell klar. Terese reist ihm zu mehreren Schauplätzen hinterher, immer ist er gerade erst abgereist. Der Kontakt mit ihm ist abgebrochen, und damit, auch im übertragenen Sinne, jegliche Verbindung zu ihm. Terese findet seine Spuren, aber nicht die Motivation seines Tuns. Im Guesthouse in Mumbai ist der Besitzer Rana, auffällig besorgt um sie, was sie gerne annimmt und genießt. Sie kommen sich näher und es stellt sich heraus, dass die Mutter von Rana eine ehemalige deutsche Touristin war, die aus der Heimatgegend von Terese stammte. Diese Tatsache ist eine Brücke zu der immer intimer werdenden Begegnung.

London

Die erwachsene Tochter der Beiden erwartet sie in London, um etwas bekannt zu geben. Überstürzt reisen Vigo und Terese gemeinsam von Indien nach London zu Ava, ihrer gemeinsamen Tochter. Fragen drängen sich auf, warum hast Du nicht mehr geantwortet, warum bist Du mir gefolgt, hat unsere Beziehung noch Bestand? Sie wissen keine Antworten und es beginnt ein distanzierter, kalter und bedrohlicher Umgang miteinander, der in der Nacht im Hotelzimmer mit einer Vergewaltigung durch Vigo gipfelt.  Diese Vergewaltigung wird nicht weiter thematisiert, auch in der Gefühlswelt von Terese scheint dieser Akt keine Rolle zu spielen. Das ist schade und unglaubwürdig, denn es ist sicherlich ein wesentlicher Baustein, der das Ende dieser Liebe beschleunigt haben könnte.

In einem berühmten Tearoom in London, der im Übrigen herrlich beschrieben wird, begegnen sie ihrer Tochter, die durch eine Liebe völlig verwandelt scheint. Aus der gnadenlosen Finanzmanagerin ist eine aufopfernde Liebende geworden. Diese Liebe strahlt aber nicht auf ihre Eltern aus, Terese kann das Ende dieser Teestunde kaum erwarten und nimmt sehnsuchtsvoll den nächsten Flug nach Indien, um sich wieder Rana hinzugeben.

Soweit so schlecht

Die Entschlossenheit, mit der Terese zu Rana nach Indien zurückkehrt, verliert an Kraft und überzeugt nicht mehr. Die Liebeserlebnisse mit Rana können nicht darüber hinwegtäuschen, dass es das Einzige ist, was sie verbindet. Terese befindet sich zunehmend in einer Umgebung, die ihr immer fremder erscheint, die Zeit verbringt sie mit sinnlosen Ausflügen, die nur darin bestehen, die Zeit bis zum Treffen mit Rana auszufüllen.

Wieder wird ein Rückflug nach Deutschland überstürzt gebucht, gerade als Rana mit ihr eine neue Zukunft plant. Ihr ehemaliger Mentor und Liebhaber wird beerdigt und dieser Abschied beerdigt auch endgültig ihre Ehe mit Vigo. Sie hat andere Pläne, ohne Vigo ohne Rana.

Bodo Kirchhoff hat aus der Sicht eines Mannes versucht die Gefühle einer Frau, in diesem Fall der Terese, nachzuempfinden. Dieser Versuch ist nach meinem Gefühl nur bedingt gelungen, es bleiben Zweifel. Er bedient sich einer differenzierten Erzählweise, einmal wird über Terese erzählt, in der Annahme, sie denkt so, wie beschrieben. Der andere Teil taucht aus der Sicht eines Ich-Erzählers, sprich Vigo, in einzelnen Kapiteln auf. Diese Gegenpole verstärken die unterschiedlichen Sichtweisen der Ehepartner und führen die Leser auf das Ende zu. Die Selbstbezogenheit eines Partners (hier Vigo), gepaart mit fehlender Zuwendung und Aufmerksamkeit bringen Ungleichgewichte in einer Beziehung, die irgendwann nicht mehr zu heilen sind. Die letzte Mail an Vigo, bevor sie sich in ein neues Leben mit neuen Aufgaben stürzt, trifft genau dieses Ungleichgewicht; «Was du tun kannst, damit ich zurückkomme? Von dir absehen. Einmal im Leben. »

Wenn der Leser sich durch die fast 600 Seiten durchgearbeitet hat, dann hat er nicht nur das Erlebnis einer sehr tiefgreifenden Lebens-und Liebesgeschichte, er bekommt auch ganz nebenbei hochaktuell das Weltgeschehen und sehr detailreiche Reise – bzw. Milieustudien serviert. Und das alles gibt es in einer, zugegeben anspruchsvollen, aber stilistisch feinsinnigen Sprache. Dann kann man auch schnell darüber hinwegsehen, dass es mitunter sehr langatmig und zäh dahinfließt.

Fazit

Eine Frau entfernt sich, aber nur von ihrem Mann nicht von der Welt

Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt

Bodo Kirchhoff, dtv

Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt

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