Yesteryear

  • Heyne
  • Erschienen: April 2026
  • 0
Yesteryear
Yesteryear
Wertung wird geladen
Yannic Niehr
911001

Belletristik-Couch Rezension vonJun 2026

Die guten alten Zeiten ..?

Natalie Heller Mills hat alles: einen starken Ehemann, eine bildhübsche Kinderschar (mit einem weiteren bereits auf dem Weg), eine malerische Ranch – und ein erfolgreiches Business. Denn Natalie ist begnadete Influencerin! Mithilfe ihrer gewieften Produzentin Shannon lässt sie die digitale Community an der Kindererziehung teilhaben, backt Sauerteigbrot im Weichzeichner-Licht ihrer Traumküche, und gewährt allgemeine Einblicke in ihr perfektes Leben. Ihr Schwiegervater Doug ist gerade auf dem Weg zur Präsidentschaftskandidatur, verspricht Amerika eine Rückkehr zu den Traditionen und Werten von einst, und auch ihr Mann Caleb soll auf eine politische Karriere vorbereitet werden, während sie die tadellose Hausfrau gibt. Sicher, ihr schlägt online auch einiges an Hasskommentaren entgegen von den (wie sie sie liebevoll nennt) „Wütenden Weibern“ – aber die sind ja nur neidisch.

Plötzlich jedoch ist es mit der Idylle vorbei: Von einem Tag auf dem anderen findet sich Natalie ins Jahr 1855 zurückversetzt. Es ist immer noch ihre Ranch, ihr Mann, ihre Kinder – und doch irgendwie nicht. Alles wirkt merkwürdig vertraut, aber gleichzeitig völlig fremd. Technologie ist verschwunden, und Einrichtung, Kleidung und Werkzeuge sehen aus wie im vorletzten Jahrhundert. Gleichzeitig begegnet Natalies Familie (?) ihr mit einer seltsamen, abgeklärten Distanz. Was geht hier vor sich? Ist sie durch die Zeit gereist? Wurde sie entführt? Spielt ihr jemand einen ausgeklügelten Streich? Widerwillig spielt Natalie das Spielchen mit – insgeheim fest entschlossen, ihr Leben wieder an sich zu reißen …

„It’s all some vital game, isn’t it? No—more than a game. It’s the long, golden string of insincerity that threads together the entire human race: a shared agreement between women to insist back and forth in endless conversation that this thing we spend our whole lives preparing for—this thing we were born for—is anywhere close to what we thought it would be“

Bislang ist über Autorin Caro Claire Burke wenig bekannt. Zunächst machte sie hauptsächlich mit gesellschaftskritischen Magazin- und Podcastbeiträgen von sich reden. Bei Yesteryear, der in den USA einschlug wie eine Bombe, handelt es sich um ihren Debutroman – und damit landet sie sogleich einen absoluten Homerun!

„Another long drive back home, through the mountains and past the farms and down the long dirt road to the nightmare—I mean dream—of my own making, the world I molded with my own bare hands. Playdough husband, playdough children, playdough life“

Da Yesteryear am besten ohne größeres Vorwissen gelesen werden sollte, wird diese Rezension eher kurz ausfallen. Burke schafft mit Natalie eine Hauptfigur, die man liebt, zu hassen, während man sich immer wieder auf ihrer Seite wiederfindet. Sie bleibt durchgängig die zentrale Person, aus deren Perspektive die Ereignisse geschildert werden – ein cleverer Schachzug, welcher der Geschichte Fokus verleiht und unerwartete Vielschichtigkeit eröffnet.

Geprägt von der religiösen Erziehung ihrer Mutter, bricht Natalie das College ab, da sie sich von den dortigen Frauen völlig unverstanden fühlt, und lernt schließlich Caleb in einem Bibelkreis kennen, eine augenscheinlich gute Partie aus gutem Hause mit politischen Ambitionen und dem Traum von Ruhe auf dem Land. Also ergreift sie ihre Chance, sich ein Leben nach ihren Vorstellungen zu gestalten. Doch ganz plötzlich ist dieses Leben grundverändert, als sie sich in der Vergangenheit wiederfindet. Burke schildert großteils abwechselnd Natalies Verwirrung im Jahr 1855 und Kapitel, welche ihre vorige Situation ausleuchten – und aufrollen, wie sie dort hingekommen ist. Dabei steht das Rätsel um ihren mysteriösen Zeitsprung nur vermeintlich im Mittelpunkt, denn klammheimlich schält sich darunter eine überraschend tiefgründige Charakterstudie hervor, bei der man nie weiß, was man erwarten kann.

„America hates women. What a comfort to remember. It is“

Zum Glück geht es in Yesteryear nicht um den grobschlächtigen moralischen Zeigefinger, der einer unsympathischen Protagonistin einbläuen soll, dass man aufpassen muss, was man sich wünscht. Vielmehr geht es um die Abgründe, die sich hinter einer mit viel Mühe aufrechterhaltenen, angeblich makellosen Fassade auftun, und um die Lebenslügen, die wir uns erzählen, wenn diese zu bröckeln beginnt. Wie tief man sich damit sein eigenes Grab schaufeln kann, erzählt Burke mit Klugheit, Biss und schwarzem Humor, der einem die Galle den Rachen hochtreibt und sich zunehmend mit Erschütterung und Entsetzen die Hand reicht (dies funktioniert dank der kongenialen Übersetzung von Dietlind Falk und Lisa Kögeböhn auch im Deutschen ohne Einbußen).

Burke nutzt ihr Narrativ, um einen Blick auf u.a. generationenübergreifendes Trauma, den kontroversen Tradwife-Trend sowie die Krise der Geschlechterrollen zu werfen, wodurch die Story hochbrisante Relevanz erhält. Dabei bleibt sie ihrem spitzen Stil so konstant treu, dass man geradezu durch die Seiten fliegt. Nachdem das letzte Drittel in Anleihen an Groteske und Farce abdriftet, rundet ein vieldiskutierter, vielleicht etwas zu süßer Schluss die Rasiermesserschärfe der restlichen Erzählung ab.

Schauspielerin Anne Hathaway hat keine Zeit verschwendet und sich die Filmrechte an dem Buch-Hit – sowie die Hauptrolle – gesichert. Es dürfte spannend ausfallen, zu betrachten, wie sich die verschachtelten Ebenen des Buches in ein visuelles Medium übertragen lassen. Zumindest thematisch wird der Plot wohl (leider) nicht so schnell viel von seiner Schlagkraft einbüßen.

Fazit

Bitterböse, hochintelligent, höllisch schmerzhaft und zum Schreien komisch – so muss Satire sein! Mit Yesteryear dürfte sich Caro Claire Burke von jetzt auf gleich einen festen Platz in der Literaturszene gesichert haben. An diesem Roman kommt man nicht vorbei.

Yesteryear

Ähnliche Bücher:

Deine Meinung zu »Yesteryear«

Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer und respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Bitte Spoiler zum Inhalt vermeiden oder zumindest als solche deutlich in Deinem Kommentar kennzeichnen. Vielen Dank!

Letzte Kommentare:
Loading
Loading
Letzte Kommentare:
Loading
Loading

Film & Kino:
The Crown - Staffel 3

Die Queen in ihrer vordergründig repräsentativen Rolle ist eine zeitgeschichtliche Ikone, sodass der Erfolg der seit 2016 bei Netflix laufenden Serie „The Crown“ nicht verwundert. Die dritte Staffel markiert allerdings einen Umbruch: Die Royal Family ist in den 60er-Jahren angekommen und viele Rollen werden neu besetzt, da auch die Blaublüter nicht vor dem Altern gefeit sind. Titel-Motiv: © Des Willie / Netflix

zur Film-Kritik