Zugvögel wie wir

  • Limes
  • Erschienen: März 2026
  • 0
Zugvögel wie wir
Zugvögel wie wir
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Monika Wenger
801001

Belletristik-Couch Rezension vonMai 2026

Die überraschende Wirkung eines Perspektivenwechsels.

Eva steckt in einer Sinnkrise. Gerade hat sie ihren Hund verloren und hinterfragt nun ihr ganzes Leben. Das vergangene Jahr war nicht gut zu ihr, und es wäre leichter gewesen, aufzugeben, als weiterzumachen. Ihre Freundin Luise versucht, Eva aus ihrem Tief zu holen, und lädt sie zu sich nach Schweden ein.

Unterwegs

Die Luftveränderung tut Evas Seele gut. Luises Zuneigung und die moralische Unterstützung ebenso. Zwar verschwindet die Traurigkeit nicht ganz, doch Eva beginnt sich besser zu fühlen. Trotzdem bleibt viel, was sie zu bewältigen versucht. Oscar, der Hund, der eingeschläfert werden musste, die Scheidung und das zerrüttete Verhältnis zu ihrer Tochter Sophie. Noch weiss Sophie nicht, dass Oscar gestorben ist. Irgendwie muss Eva es ihr sagen, doch wie soll sie es angehen? Ihr Leben ist ein einziger grosser Scherbenhaufen.

Ein verletzter junger Kranich lenkt Eva erst einmal von ihren Problemen ab. Er wird gepflegt und erhält einen Chip. Mithilfe einer App kann man den jungen Vogel verfolgen. Plötzlich weiss Eva, was sie tun will: Sie leiht sich von Luise ein Fahrrad und verfolgt die Reise des Kranichs. Zunächst ist nur eine Etappe angedacht, doch dann entschliesst sich Eva, dem jungen Kranich, den sie Selma tauft, bis nach Frankreich zu folgen. Unterwegs ist sie auf sich allein gestellt und muss nicht nur landschaftliche Herausforderungen zu meistern. Eva beginnt, über sich selbst, ihr Leben und die Zukunft nachzudenken. 

«Im Alltag geht ja vieles verloren, wenn man nicht aufpasst. Und manchmal … manchmal ist es schwierig, das wiederzufinden.»

Perspektivenwechsel

Der Romanbeginn ist etwas gewöhnungsbedürftig: Briefanfänge wechseln sich mit der Position des Beobachters ab, bevor schliesslich die eigentliche Geschichte beginnt. Langsam zeichnet sich Evas Lebensweg ab und ihr Leben wird Stück für Stück aufgedröselt. Mit einem Mal wird das ganze Ausmass der falschen Entscheidungen und der Schicksalsschläge erkennbar. Julia Dibbern verwendet in ihrem Roman viele Metaphern. Das beginnt bei der Fürsorge für das Kranichjunge und reicht bis zum Auf und Ab der Fahrradtour. All dies spiegelt die persönlichen Befindlichkeiten der Protagonistin wider. Die Sprache ist eher zurückhaltend und beschreibend. Sie reflektiert jedoch Evas Entwicklung und ihre Befreiung aus der selbst gewählten Vereinsamung sehr schön.

Fazit

Der Wechsel zwischen den Naturbeschreibungen und Evas Geschichte erzeugt eine besondere Atmosphäre. Die unterschiedlichen Perspektiven sind anfangs etwas ungewohnt, zeigen aber eindrucksvoll, welche Wirkung verschiedene Betrachtungsweisen haben können. Julia Dibbern schafft es, eine tiefgründige Lektüre leicht und positiv wirken zu lassen. Es ist ein sehr schöner, ruhiger Roman, der mit viel Lebensklugheit aufwartet und zeigt, dass es sich lohnt, gewohnte Pfade zu verlassen.

Zugvögel wie wir

Julia Dibbern, Limes

Zugvögel wie wir

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