Wer hat uns je geliebt?

  • Piper
  • Erschienen: April 2026
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Wer hat uns je geliebt?
Wer hat uns je geliebt?
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Thomas Gisbertz
851001

Belletristik-Couch Rezension vonMai 2026

Ein ungewöhnlicher Roman und gleichzeitig eine Hommage an Berlin.

Am 3. März betritt der angetrunkene Werner P. das Belmont, ein Lokal in der Nähe des Bahnhofs Zoo in Berlin. Von der Frau verlassen und den Job verloren, beschließt der 50-jährige Lichttechniker – statt sein Geld im Bordell auf den Kopf zu hauen -, sich kurzerhand in einem bescheideneren Rahmen zu betrinken und einige Runden Backgammon mit Einsatz zu spielen. Drei Pils und 270 Euro Verlust später wird Werner P. immer aggressiver. Er mault und faucht mit hochrotem Kopf – bis dieser im wahrsten Sinne des Wortes explodiert.

So beschreiben es zumindest später die Gäste und die Kellnerin im Lokal. Ist so etwas überhaupt möglich? Wurde der Mann erschossen oder steckte man ihm gar eine Handgranate in den Mund? Und wo ist der kauzige Stammgast Enki, mit dem das Opfer gerade spielte, als es zu diesem ungewöhnlichen Ereignis kam? Der rätselhafte Tod wird aufgrund fehlender Ermittlungsansätze von der Polizei schnell zu den Akten gelegt. Doch Kriminalhauptkommissarin Lucis Lill beschließt, den Fall privat weiter zu verfolgen. Als Enki endlich wieder auftaucht, besucht Lill den mysteriösen alten Mann – und kann sich schon bald seiner ungewöhnlichen Aura kaum mehr entziehen. Die Grenzen zwischen Gewissheit, Realität und dem Unwahrscheinlichen verschwimmen zunehmend. Kann Lill überhaupt die Wahrheit finden?

Multitalent Krausser

Der Wahl-Berliner Helmut Krausser ist wahrlich ein Multitalent. Er schreibt Romane, Erzählungen, Lyrik, Tagebücher, Hörspiele, Theaterstücke, Drehbücher und komponiert Musik. Nicht vergessen werden darf, dass der gebürtige Schwabe auch ein hervorragender Schachspieler ist. Mit „Wer hat uns je geliebt?“ (mit dem Romantitel zitiert der Autor eine Frage aus der Oper „Elektra“ von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal) erscheint aktuell sein zwanzigster Roman. Dabei ist eigentlich kein Werk vergleichbar mit dem anderen. Der Autor liebt es, mit den Genres zu spielen und seine Leser immer wieder aufs Neue zu überraschen. Genau dies macht ihn auf dem deutschsprachigen Literaturmarkt so unverwechselbar.

Während er zuletzt mit „Freundschaft und Vergeltung“ (2024) einen ungewöhnlichen Kriminalroman veröffentlichte, erscheint nun mit seinem aktuellen Werk – ja, was eigentlich? Ein grotesker Kriminalroman oder doch eher eine romantische Liebeserzählung? Eine Hymne an Berlin? Ein Buch zwischen den Welten? Wieder einmal entzieht sich Kraussers Roman gängigen Zuordnungen – und das ist gut so. Wenn man nach einem Leitmotiv seiner Werke suchen muss, dann ist es sicherlich die Melancholie, die sich wie ein roter Faden durch seine Romane zu ziehen scheint. Auch diesmal liegt eine unsichtbare Kuppel aus Schwermut über dem Handlungsort Berlin. Doch gleichzeitig lernen wir auch zahlreiche Facetten der Liebe kennen.

Spiel mit der Realität

Wie ungewöhnlich der Roman ist, erkennt man bereits zu Beginn: Eine Erklärung für das rätselhafte Ereignis im Backgammon-Lokal erhalten weder die Figuren noch die Leserschaft. Der Roman scheint sich immer wieder einem Zugriff zu entziehen. Was ist wirklich geschehen, was Einbildung oder gar Wunsch? Der Piper Verlag beschreibt den Roman sehr treffend als ein „doppelbödig-flirrendes Werk des Magischen Realismus“. Mit dieser Ambivalenz setzen sich nicht nur die Figuren, sondern auch die Lesenden auseinander. Unweigerlich erinnert Kraussers Werk an Mariana Lekys Roman „Was man von hier aus sehen kann“. Während dort das Okapi den nahenden Tod ankündigt, so ist es diesmal der seltsame Enki, der hiermit in Verbindung steht. Er entzieht sich ebenfalls allem Greifbaren, besitzt keinen Nachnamen oder ein Geburtsdatum, keine Versicherungsnummer. Nur den Namen: Enki, „Herr der Erde“, sumerischer Gott der Magie und der Schöpfung. Er erscheint mal alt, mal jung, aber stets rätselhaft.

Gesamtbild einer Stadt

Dabei ist die eigentliche „Hauptfigur“ des Buches die Stadt Berlin. Ein eigener Charakter, mit menschlichen Eigenschaften und Gefühlen, denen nicht nur die Kapitelüberschriften (starke Gefühle wie Angst, Gier, Güte, Resignation, Ekstase), sondern auch die Anfänge der Kapitel Rechnung tragen, die die Stadt und das Lebensgefühl so wunderbar beschreiben, wie

„Die Vier-Millionen-Stadt quoll über von Geschichten, größeren und kleineren, die sich mal miteinander verknüpften, mal voneinander lösten. Manche erloschen wie Kerzen, zu Ende erzählt, zu Ende gelebt. Andere entstanden neu aus beinahe nichts, durch Zufall, durch ein passend gewähltes Wort, eine Geste, eine Bitte, ein Lachen.“

Wie in Wolfgang Koeppens Roman begegnen sich die Menschen hier wie „Tauben im Gras“, leben nebeneinanderher, begegnen einander und verlieren sich wieder. So wählt auch Krausser zahlreiche Figuren, die uns ihre Geschichte erzählen. Die bedeutsamen haben einen Namen, die übrigen sind austauschbar. Aber ihre Schicksale sind unweigerlich mit der Stadt verknüpft: das der Kommissarin, der Boulevard-Journalistin Yvonne Gispritz („Poison Ivy“), des jungen Pathologen Frederick Salzwedel, der Selbstmörderin Jette, des von Eifersucht geplagten Peter Schwarze („Schwarzpeter“) oder des Teenagerpaares Jessi und Ninono, die einzigen, die wirklich Glück in der Liebe finden. Für alle anderen scheint die Welt immer mehr aus den Fugen zu geraten und für sie bleibt am Ende nur die Titel gebende Frage: „Wer hat uns je geliebt?“

Fazit

Wie so oft bietet Helmut Kraussers Roman keinen leichten Zugang, ist ebenso ungewöhnlich wie sprachlich präzise, ebenso humorvoll wie radikal. Allein aufgrund der großartigen Stilistik des Autors, der zahlreichen Motive des Romans und des ihm eigenen beinahe musikalisch anmutenden Rhythmus, ist der Roman mehr als lesenswert; denn genau dieses Spiel mit der Sprache ist es, woran es vielen modernen Autorinnen und Autoren meist mangelt. Man muss sich jedoch auf einen Roman einlassen, der Anspruch besitzt und sich einer einfachen Deutung entzieht. Aber genau das macht ihn so besonders.

Wer hat uns je geliebt?

Helmut Krausser, Piper

Wer hat uns je geliebt?

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