Die Lebensentscheidung

Die Lebensentscheidung
Die Lebensentscheidung
Wertung wird geladen
Monika Wenger
891001

Belletristik-Couch Rezension vonMai 2026

Um jeden Preis den Schein wahren.

Franz Fiala ist mit seiner Arbeit in der Europäischen Kommission in Brüssel unzufrieden. Er ist frustriert von den Abläufen, die doch nie das bessere Ergebnis zum Ziel haben, sondern sich nur um Profitoptimierung bemühen. Als kleines Rädchen im Getriebe der EU-Administration ist er völlig unbedeutend. In einer Anwandlung von Rebellion kündigt er jedoch seine Arbeitsstelle und tritt vorzeitig in den Ruhestand. 

Ein Versprechen, das nicht zu halten ist

Fünfundzwanzig Jahre seines Lebens hat Franz Fiala der EU gewidmet. Doch jetzt ist Schluss. Er ist beseelt von dem Gedanken, sich um seine kranke Mutter in Wien zu kümmern. Das erfordert zwar einen Spagat zwischen seiner Freundin Nathalie in Brüssel und seiner Heimatstadt, doch das wird er schon hinbekommen. Nathalie ist jedenfalls eine moderne Frau. Sie führt ihr eigenes Leben, das sie hin und wieder mit Franz teilt. Ob sie seine Entscheidung verstehen und akzeptieren wird, muss sich erst noch zeigen.
Womit er allerdings nicht gerechnet hat, ist seine eigene Erkrankung. Diese will er um jeden Preis vor seiner Mutter geheim halten. Je schlechter es ihm geht, desto verzweifelter versucht er, den Schein zu wahren. Fialas erklärtes Ziel ist ab sofort, seine Mutter zu überleben. Keinesfalls möchte er sie enttäuschen. Sie ist so stolz auf ihren studierten Sohn.

«Es geht jetzt um einen Überlebenswettkampf. Das war jetzt die Lebensentscheidung.»

Subtil und berührend

Robert Menasse schildert Franz Fialas Versuche, seine Mutter auf jede erdenkliche Weise zu schützen, mit einer Mischung aus Ernsthaftigkeit und Satire. Er beschreibt die verzweifelten Versuche des Protagonisten, das Bild, das die Mutter von ihrem Sohn hat, nicht zu zerstören. Erschütternd ist es, zu sehen, wie der ehemals begeisterte Europabefürworter während seiner langen Jahre in Brüssel den Glauben an die Institution verliert. Menasse geht auf besondere Begebenheiten in der EU ein und beim Lesen stellt sich immer wieder die Frage, wie stark die Novelle die Realität abbildet.  

Doch nicht nur die Politik und ihre Folgen sind ein gewichtiges Thema. Der Autor blickt auch hinter die Kulissen eines vermeintlich erfolgreichen Lebens, das trotz allem mit viel Einsamkeit einhergeht. Sowohl Politik als auch Leben tragen viel Schein und wenig Sein in sich.
Die ironisch-satirischen Einschübe verleihen diesem Buch eine Leichtigkeit, die die Schwere der Lebensentscheidungen dämpft.

«Wenn es um eine komplizierte Lebenssituation geht, ist Nachdenken ziemlich überschätzt, dachte er.»   

Fazit

Robert Menasse ist ein Meister des Subtilen. Seine Sprache ist facettenreich, voller Ernsthaftigkeit, aber auch dezent humorvoll. Süffisant erzählt er von den Auswirkungen der EU auf das Leben eines Bürgers und legt dabei den Finger auf Ungereimtheiten. Die Geschichte von Franz Fiala geht unter die Haut und lässt einen nicht mehr los. Das Buch ist dünn, prägnant und etwas Besonderes.

Die Lebensentscheidung

Robert Menasse, Suhrkamp

Die Lebensentscheidung

Ähnliche Bücher:

Deine Meinung zu »Die Lebensentscheidung«

Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer und respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Bitte Spoiler zum Inhalt vermeiden oder zumindest als solche deutlich in Deinem Kommentar kennzeichnen. Vielen Dank!

Letzte Kommentare:
Loading
Loading
Letzte Kommentare:
Loading
Loading

Film & Kino:
The Crown - Staffel 3

Die Queen in ihrer vordergründig repräsentativen Rolle ist eine zeitgeschichtliche Ikone, sodass der Erfolg der seit 2016 bei Netflix laufenden Serie „The Crown“ nicht verwundert. Die dritte Staffel markiert allerdings einen Umbruch: Die Royal Family ist in den 60er-Jahren angekommen und viele Rollen werden neu besetzt, da auch die Blaublüter nicht vor dem Altern gefeit sind. Titel-Motiv: © Des Willie / Netflix

zur Film-Kritik