Unterwasserblau

  • Erschienen: März 2026
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Unterwasserblau
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Marianne Schäper-Mürmann
831001

Belletristik-Couch Rezension vonMai 2026

Die langen Schatten der eigenen Familie.

Jessica und Ingwer unternehmen an ihrem 20. Hochzeitstag eine Kanutour im Spreewald zusammen mit Ingwers großer Familie. Auch dieses Mal vollziehen die beiden ihr liebgewordenes Ritual und erinnern sich gemeinsam an die besonderen Momente jedes einzelnen Ehejahres. Diese Idylle wird jäh gestört durch die Nachricht vom plötzlichen Tod von Jessicas Vater. Nun muss Jessica Kontakt zu ihrer Mutter und ihrer Halbschwester Sandra aufnehmen und sich damit auch den verdrängten Erinnerungen an ihre unglückliche Kindheit stellen.

„Warum waren sie so, warum fühlte ich mich immer noch so klein wie damals, warum gehörte ich angeblich zu ihnen, wenn mich doch nie jemand gewollt hatte?“

Der noch immer schmerzhafte Verlust ihrer Zwillingsschwester Annika, die im Kleinkindalter gestorben ist, und die seitdem bestehende Ablehnung durch ihre Mutter bleiben für Jessica traumatisierende Erfahrungen. In Rückblenden schildert die ich - Erzählerin Jessica die beklemmende Atmosphäre in ihrer Familie, die geprägt ist von der Sprachlosigkeit untereinander und der Gefühlskälte der Mutter, für die die falsche Tochter gestorben ist. In ihrer älteren Halbschwester Sandra fand Jessica als Kind keine Vertraute, auch als erwachsene Frauen bleibt ihr Verhältnis gestört. Geborgen und beheimatet fühlt sich Jessica dagegen in der großen Familie ihres Mannes. Mit ihrer Tätigkeit als Naturwissenschaftlerin an einem Institut für Algenbiotechnologie in Leipzig hat Jessica den Sprung aus dem kleinbürgerlichen Milieu des Elternhauses im Ruhrgebiet geschafft. Alte Verhaltensmuster halten sie jedoch unselbstständig und im Umgang mit anderen Menschen unsicher. Ihr Ehemann Ingwer fängt diese Schwächen liebevoll und einfühlsam auf, doch trotz dieser eigentlich glücklichen Ehe lässt sie sich auf eine Affäre mit dessen Bruder Holger ein.

Als diese Beziehung publik wird, gerät Jessicas bisheriges Leben mehr und mehr aus den Fugen; Ingwer trennt sich von ihr und auch die bisher so glatte Fassade der Schwiegerfamilie bekommt deutliche Risse.

„Wann wurden wir mehr als das, was unsere Eltern aus uns gemacht hatten?“

Temporeich und atmosphärisch dicht entwickelt die Autorin mit feiner, ruhiger Sprache das Geschehen. Eindringlich entwirft sie die Figur der Protagonistin, was besonders beeindruckend und intensiv gelingt, da die weiteren Akteure eher knapp skizziert werden und sich so nicht in den Vordergrund drängen.

Jessica sieht sich gezwungen, sich ihren Verletzungen aus der Kindheit zu stellen und auch ihrerseits bestehende Missverständnisse zu klären, um ihr Leben selbstbewusst bewältigen zu können. Wie ihr das letztlich gelingt, ist für mich jedoch etwas zu einfach und harmonisch konzipiert.

Fazit

Beeindruckender Roman über den Versuch einer Frau, gegen ihre zerstörerischen Kindheitserlebnisse und das Schweigen in ihrer Familie anzukämpfen, um endlich ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Bis auf das allzu glatte Ende gut gemacht und unbedingt lesenswert!

Unterwasserblau

Petra Hucke,

Unterwasserblau

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