Sie wollen uns erzählen

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Monika Wenger
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Belletristik-Couch Rezension vonApr 2026

Was heisst normal? Und wo bleibt die Toleranz?

Die Tonalität im neuen Roman von Birgit Birnbacher bringt die Denkweise der Protagonisten exakt auf den Punkt. Sie unterstreicht dies zusätzlich mit dem Vergleich einer Autobahn, auf der sich ihre Gedanken befinden. Normalerweise laufen die Gedanken in einer geraden Linie. Nicht so bei Menschen mit Neurodivergenz, wo jede Ausfahrt einen neuen oder anderen Weg und damit die Tür für unendliche Möglichkeiten offenlegt.

Eine Katastrophe als Rettung

Ozzy Haas kämpft in der Schule nicht nur um gute Noten, sondern auch um seinen Platz innerhalb der Gruppe. Er hat ADHS und seine Andersartigkeit ist für Freundschaften keine besonders gute Ausgangslage. Mit den Noten klappt es jedenfalls und Oz schafft den Übertritt ins Gymnasium. Aber ausgerechnet kurz vor den Sommerferien passiert das Tragische. Gemeinsam schleichen sich ein paar Jungs zu den Kaninchenställen und vergessen beim übereilten Aufbruch, den Käfig zu schliessen. Auf dem Heimweg wünscht sich Oz eine Naturkatastrophe herbei. Dann müsste er seiner Mutter nicht von dem Vorfall mit dem Kaninchen erzählen und er müsste seiner Mutter nicht den unangenehmen Brief der Lehrerin übergeben. Als er zuhause ankommt, ist jedoch alles anders. Der Fokus der Mutter liegt nicht auf ihm, sondern auf seiner Grossmutter, die aus dem Krankenhaus verschwunden ist.

Die Sache mit der Norm

«Sie wollen uns erzählen» von Birgit Birnbacher ist ein Buch über die besondere und intensive Beziehung zwischen einer Mutter und ihrem Sohn. Beide funktionieren in ihrem Denken und Handeln anders, als ihr Umfeld. Das befremdet die Menschen. Mit ihrer Sprache gelingt es Birnbacher, ganz nahe bei ihren Figuren zu sein. Anschaulich beschreibt sie deren Welt und die Schwierigkeiten, die ständig auftauchen.

«Heute wollen alle alles: Sie wollen einen Beruf, und sie wollen Familie, sie wollen gut aussehen und glücklich sein, sie wollen Sinn und Leben und Zeit, sinnlose Dinge zu tun. Sie wollen das ewige Leben und den California Beach, sie wollen eine proteinreiche Mittelmeerraum-Ernährung und einen schadstofffreien Fussabdruck per Click and Collet, aber sie verstehen überhaupt nichts von Ruhe und Rückzug, was ihre Kinder so sehr bräuchten!»

Beim Lesen spürt man sehr genau, wie sich Anns und Oz’ Gedankengänge verhalten. Ein Hüpfen und Springen, ein Vor und Zurück. Das sprachlich so darzustellen, ist beeindruckend und das ist der Autorin zweifelsfrei gelungen. Wie nebenbei legt sie den Finger auf die pädagogischen und gesellschaftlichen Grenzen, wenn sich ein Kind nicht der Norm entsprechend verhält.

Fazit

Es ist ein berührender und sprachlich intensiver Familienroman, der das Anderssein und die damit verbundenen Schwierigkeiten thematisiert. Dabei beeindruckt besonders Oz’ Mutter Ann, die mit allen Mitteln versucht, ihren Sohn zu schützen, obwohl sie selber mit allem überfordert ist. Der Roman erfordert eine gewisse Konzentration beim Lesen, damit auch der leise Humor und die satirischen Elemente wahrgenommen werden können. Gerade wegen der ungewohnten Art des Erzählens ist das Buch ein Lesevergnügen für Leser, die sich Zeit für feine Nuancen nehmen.

Sie wollen uns erzählen

Birgit Birnbacher, Paul Zsolnay Verlag

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