Balagan

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  • Erschienen: Januar 2026
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Balagan
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Carola Krauße-Reim
851001

Belletristik-Couch Rezension vonApr 2026

Zwei Geschichten in einer.

Mirna Funk, 1981 als Tochter eines jüdischen Vaters in Ostberlin geboren, ist freie Journalistin und Autorin. In ihren vielbeachteten Romanen thematisiert sie das jüdische Leben und die damit verbundenen Schwierigkeiten ebenso wie die Shoa und ihre Folgen. Funk bekennt sich zum Judentum und lebt heute in Berlin und Tel Aviv.

Eine verschollene Kunstsammlung taucht auf

Amiras Großvater verstirbt mit 102 Jahren in Berlin. Er hinterlässt ihr die Kunstsammlung der Familie Altman, die angeblich seit dem 2. Weltkrieg verschollen ist und ein Porträt der amerikanischen Malerin Lee Krasner. Und schon ist das Chaos – Balagan – vorprogrammiert, denn Amiras Familie ignoriert sie seit dem Tot des Vaters vor vielen Jahren und will nun die bedeutende Gemäldesammlung nicht an die Mittdreißigerin abgeben. Amira selbst weiß nicht so recht, was sie tun soll: die Sammlung als Ausstellung nutzen oder verkaufen, was ihr aus der derzeitigen finanziellen Misere helfen würde? Und plötzlich muss sich Amira auch noch mit der Frage auseinandersetzen, wie die Gemälde wieder in den Besitz von Max Altman gekommen sind.

Anders als gedacht

Wenn man die Inhaltsangabe des Buches liest, kann man auf die Idee kommen, dass es um das, im Moment sehr aktuelle, Problem von Restitution geht. Doch im Mittelpunkt steht Amira, die ebenso unkonventionell wie ziemlich verloren im Leben ist. Erst spät kommt die Frage nach der rechtmäßig fragwürdigen Wiedererlangung der Sammlung auf. Funk schafft es, zwei Stränge in einer Geschichte zu verbinden, wobei der eine persönlichen Charakter hat und der andere globalen. Da ist Amira mit ihren Problemen und dem Verlust des geliebten Großvaters. Die beiden haben mehr als die anderen Familienmitglieder den jüdischen Glauben gelebt, wenn auch auf eine sehr individuelle Weise. Max hat die Shoa durchgemacht, daher kommt zwangsläufig auch die Frage nach Schuld und ihrer Vergänglichkeit auf. Das leitet zum globalen Thema des Buches über: die Ereignisse des 7.Oktober 2023, als die Hamas Israel überfiel. Die Folge für die Juden in Deutschland und auch Israel wird ebenso thematisiert. Der immer stärker werdende Antisemitismus in Deutschland und die Auswirkungen auf jüdisches Leben sind deutlich, erschreckend und mahnend dargestellt. Eine wieder aufgetauchte Kunstsammlung ist dementsprechend nur der Aufhänger für wesentlich tiefer gehende Themen.

Amira 

Amira ist Mitte 30, hat ein Internet-Magazin und ist pleite. Seit dem 7.Oktober 2023 läuft ihr Leben nicht mehr rund. Ihr Business ist insolvent und sie weiß nicht, wie es weitergehen soll. Die Erbschaft ermöglicht ihr einen ganz anderen Lebensstil, in den sie sich voller Enthusiasmus wirft. Amira erscheint ziemlich unkonventionell und sehr verloren. Ihr fehlt die Bodenhaftung, sie schwebt zwischen israelischen Songs, einem Rabbi und einem gut situierten Anwalt hin und her. Funk lässt in diesem Zusammenhang sehr oft den Antisemitismus in Berlin durchblicken. Die Demonstrationen der Palästinenser und ihrer Anhänger werden durchgehend als Bedrohung geschildert; der Wille, die Gegenseite zu betrachten, fehlt. Auch die Reaktionen der Familie Altman fallen sehr pauschal aus. Die Figuren sind zu eindimensional - wer hasst, der tut es gründlich und wer Ausgleich sucht, macht dies nur im Geheimen. Man kann viel von Funks eigenem Leben in dem von Amira erkennen, doch hätte etwas mehr Tiefgang in der Charakterisierung den Figuren gut getan.

Direkt und schonungslos

Mirna Funks Stil ist direkt und herausfordernd. Sie haut uns die Bedrohungen, die Ignoranz und Intoleranz nur so um die Ohren. Sie schildert Sex ebenso direkt, wie unzählige Markennamen von der Automarke bis zum Duschgel. Ob das immer wirklich so schonungslos sein muss, ist fraglich. Das Buch ist voller Ecken und Kanten, das zumindest ist sicher. Das macht es aber auch interessant und lesenswert.

Fazit

Mirna Funk erzählt in „Balagan“ schonungslos und mehrschichtig. Wenn man bereit ist, das auszuhalten, erfährt man unter dem Vorwand einer wieder aufgetauchten Kunstsammlung viel über jüdisches Leben in Deutschland nach dem 7.Oktober 2023 und die Frage, ob Schuld irgendwann getilgt sein kann.

Balagan

Mirna Funk, dtv

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