Von Fischen und Männern.
Wer in Chaltouva den schwersten Witwer-Fisch angelt, ist dort der größte und ehrenvollste Mann. Jedes Jahr aufs Neue wetteifern die Männer des Dorfes darum, gegenseitige Provokation und Missgunst inbegriffen. Doch das ist nicht die einzige aus der Zeit gefallene Tradition, die die Gesellschaft des Dorfs beherrscht. Ein Roman über patriarchale Strukturen eines historischen Dorfes, über ein heimliches Liebespaar und die Suche nach Ausbruch aus diesem Ort. Als ein Mann erschlagen wird, scheinen alle festgefahrenen Strukturen und hoffnungslosen Aussichten auf Veränderung plötzlich eine neue Richtung zu bekommen.
„Die Fähigkeit diesen mächtigen Fisch zu bezwingen, wird als Nachweis von Mut, Stärke, Ausdauer und Geschicklichkeit interpretiert – Attribute, die in traditionellen Gesellschaften direkt mit Männlichkeit und Führungskompetenz korreliert werden.“
Im Dorf Chaltouva, am Rande des Königreichs Vierheilig gelegen, herrschen patriarchale Regeln, die selbst in der historischen Situation der Geschichte gelegen schon überholt und wie ein Albtraum für Feminist*innen wirken: oder vielmehr gesagt ein Albtraum für alle Frauen im Allgemeinen.
Die Männer im Dorf geben den Ton an, betrinken sich, kommandieren ihre Frauen herum. Jeder Junge, der das Erwachsenenalter erreicht, muss sich in einer unfassbar gewaltvollen Tradition bis aufs Blut verprügeln lassen, um zum Mann zu werden - und jedes Jahr gebührt der gesamte Respekt des Dorfes dem Mann, der den schwersten Fisch, den größten der Witwer, aus dem Fluss zieht.
Die Frauen spielen eine nebensächliche Rolle, sind sie doch in der Gesellschaftsstruktur des Dorfes ausschließlich dafür da, ihre Männer zu bekochen und ihnen Nachschub an Bier zu besorgen.
Dass ihr als Frau eigentlich kein richtiger Platz in diesem Dorf zusteht, merkt auch die junge Klara. Bereits von kleinen Jungen wird sie beschimpft und mit Steinen beworfen. Doch es gibt einen, der ist anders. Max scheint sich nicht in seine dominante und brutale männliche Rolle einfinden zu wollen. Die beiden sind ein heimliches Liebespaar und planen seit langem ihre Flucht aus dem Dorf.
Die alles dominierende Tradition, das Witwer-Wettfischen der Männer, sorgt auch für die meisten Unruhen in der Dorfgemeinschaft; die Männer bezichtigen sich gegenseitig des Betrugs, der Manipulation der Gewichte. Als ein Mann eines Tages erschlagen aufgefunden wird, wirkt es zunächst wie der logische Schluss einer solchen Auseinandersetzung. Aber vielleicht steckt doch etwas Größeres dahinter?
„Wovon träumen die Frauen in Chaltouva?“
Der Schreibstil spiegelt auf eindrucksvolle Weise die Situation und ihre Atmosphäre wider: düster und karg. Bemerkenswert ist zudem die präzise Darstellung einer patriarchalen und misogynen Dorfgemeinschaft, sodass der Roman, auch wenn die Perspektive der Frauen auch auf Textebene eine nachgeordnete Rolle spielt, oder vielmehr gerade deshalb, feministische Anklänge findet. Aber auch die Ebene des in der Figur des Max verkörperten jungen Mann, der sich ebenfalls nicht in diese Welt, in seine Rolle dort einfinden möchte, konstruiert diese Welt noch differenzierter und realistischer.
Fazit
Ein sehr düsterer und schwerer Roman, der zunächst eher Frust und Wut auf diese männerdominierte Welt schürt, aber doch ein hoffnungsvolles Ende lässt.



Deine Meinung zu »Die Witwer von Chaltouva«
Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer und respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Bitte Spoiler zum Inhalt vermeiden oder zumindest als solche deutlich in Deinem Kommentar kennzeichnen. Vielen Dank!