Geschichte eines lebenslangen Traumas
Über Honor Jones ist nicht viel bekannt: Sie ist im journalistischen Bereich tätig, lebt mit ihren Kindern in Brooklyn und hat mit „Schlaf“ ihr Roman-Debüt geschrieben.
Margaret
Margaret wächst in New Jersey auf. Ihr Leben ist ausgefüllt mit Schwimmen, Lesen und ihrer besten Freundin Biddy. Doch es ist auch anstrengend, denn ihre Mutter Elizabeth ist sehr fordernd. Durch Zwangshandlungen und dem traditionellen Bild einer Frau und Mutter geprägt, will sie aus Margaret das perfekte Mädchen machen. Als Margaret 10 Jahre alt ist, passiert etwas, das sie ihr Leben lang traumatisieren wird – auch weil ihre Mutter ihr nicht glaubt und nicht zur Seite steht.
Das ist der erste Teil des Buches. Im zweiten ist Margaret 25 Jahre älter, frisch geschieden und Mutter zweier Töchter. Natürlich ist ihre Mutter mit diesem Lebensumstand nicht zufrieden. Doch als Elizabeth erkrankt und bald sterben wird, kümmert sich Margaret um sie. Sie muss sich mit dem Trauma auseinandersetzen und erfährt eine ganz andere Seite davon.
Aus Sicht der Protagonistin erzählt
Honor Jones wählte für ihr Debüt die Sicht eines personalen Erzählers. D.h. wir folgen der Protagonistin Margaret, kennen ihre Gedanken, Gefühle und Taten. Wir erleben alles aus ihrer Sicht. Dadurch bleiben uns die anderen Figuren fremd und außenstehend – man kann ihren ganzen Charakter nicht komplett erfassen. Doch das tut der ruhig und fließend erzählten Geschichte keinen Abbruch. Margarets Leben ist das einer alleinerziehenden Mutter, die selbst Familie und Auskommen stemmen muss. Ihr Leben ist aber auch geprägt von den Vorkommnissen in jenem Sommer ihrer Kindheit. Sie können nicht vergessen werden. Das Trauma betrifft ihre Töchter genauso, wie ihr Liebesleben und den Wunsch nach Eigenverantwortung.
Als zum Ende des Buches diesbezüglich eine Wendung eingebaut wird, kann man sich nicht sicher sein, wie sie zu verstehen sein soll. Ist es so, dass Margaret die Dinge ihr Leben lang falsch sah und verstand? Wohl kaum, denn man hat sie mit ihr zusammen erlebt. Doch dann ist die Wende umso tragischer und lässt an der Vernunft der Autorin zweifeln. Denn in diesem Fall wären die Taten, die zu Margarets Trauma führten, banalisiert worden, was wiederum unverzeihlich wäre. Wenn man den Schluss so verstehen soll, wäre dieses Buch nicht mehr empfehlenswert.
Waffen und Oralsex
Manchmal muss man sich schon fragen, welche Probleme die Autorin selbst hat. Im Schlafzimmer von Margarets Eltern ist eine Vitrine, die zwei Duellpistolen enthält, die sich die Eltern zur Hochzeit geschenkt haben und die eine Plakette mit „Hugh und Elizabeth, bis dass der Tod uns scheidet“ ziert. Das ist interpretationswürdig und erschreckend zugleich und man fragt sich, was das soll und welches Licht es auf die Autorin wirft. Die gleiche Frage kommt bei der sehr häufigen und manchmal völlig irrelevanten Erwähnung von Oralsex auf. Hat es mit dem erlebten Trauma von Margaret zu tun oder spiegelt die Autorin hier etwas uns unbekannt Persönliches wider? Auch diese Fragen machen für mich das Buch problematisch. Das Frauenbild hingegen ist mehrschichtig. Margaret lebt Unabhängigkeit und verteidigt dies auch. Elizabeth ist traditionell und hat damit auch Sohn Neal geprägt, der narzisstisch ist und seine Frau als schmückendes Beiwerk behandelt. Margarets Entwicklung zu einer unabhängigen und für sich eintretenden Frau, gleicht dann doch einiges im Buch wieder aus.
Fazit
„Schlaf“ ist nicht einfach einzuschätzen. Das Debüt von Honor Jones lässt Mutmaßungen zu, die so vielleicht gar nicht gewollt sind. Doch es ist auch ein Buch, das die Auswirkungen eines kindlichen Traumas auf ein ganzes Leben gut erzählt. Nur wer bereit ist, sich diesem Zwiespalt zu stellen, sollte das Buch lesen. Deshalb gibt es lediglich eine eingeschränkte Leseempfehlung.



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