Elbland

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Carola Krauße-Reim
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Belletristik-Couch Rezension vonJul 2026

Spätfolgen sprachloser Trauer.

Literaturwissenschaftlerin und Schreib-Coach Claudia Rikl ist in der ehemaligen DDR aufgewachsen. Die Wendezeit und ihr nonkonformer Hintergrund haben sie geprägt. Neben zwei Krimis hat sie daher mit „Wellenkinder“ auch einen Roman veröffentlicht, der die DDR als Hintergrund hat. Auch das vorliegende Buch spielt teilweise zu Zeiten des geteilten Deutschlands. Außerdem fand Rikl Inspiration im Schicksal ihrer Großmutter Helene.

Nina wird sprachlos

Irma ist tot. Nina, die ihre alte Mutter stets, wenn auch widerwillig, unterstützt hat, steht so unter Schock, dass sie die Sprache verliert. Sie kann höchstens noch flüstern, was für eine Schauspielerin fatal ist. Sie nimmt sich eine Auszeit und reist nach Tschechien, ins Sudetenland, um den Wurzeln ihrer Mutter und damit auch ihren näher zu kommen. Gleichzeitig versucht sie die Folgen des Familienurlaubes 1987 in dieser Gegend zu verarbeiten.

Einfühlsam und packend

Auf drei Zeitebenen angesiedelt, erzählt Claudia Rikl die Familiengeschichte von Irma. Was diese erleben musste, hat ein so tiefsitzendes Trauma hinterlassen, dass sie es ihr Leben lang herumschleppt und über das sie nie sprechen konnte. Auswirkungen auf die ganze Familie bleiben da nicht aus: der Ehemann und Vater kann die Sprachlosigkeit und die einhergehende emotionale Leere nicht mehr ertragen und geht; Tochter Nina wird von der Mutter kaum wahrgenommen und noch mehr zurückgestoßen, als sie deren Wünschen nicht entspricht; Tochter Katja dagegen fühlt sich von der Liebe der Mutter erdrückt und geht einen drastischen Weg. Diese Lebenslagen dröselt die Autorin nach und nach auf und nimmt uns mit auf eine Reise, die für Nina manchmal schmerzlich ist, aber Erkenntnisse bereithält, die das Wesen ihrer Mutter erklären. Rikl schafft es, sprachlich ausgereift, Ninas Suche zu einem packenden Weg werden zu lassen, der auch die Hintergründe von Katjas Distanz und den Weggang des Vaters erklärt. Nina, die Suchende, wird in mehr als einem Punkt fündig und kann ihr eigenes Trauma und ihre Trauer aufarbeiten und ihre Unabhängigkeit finden.

Geschichtlicher interessanter Hintergrund

Das sogenannte Sudetenland, welches heute Teil von Tschechien ist, wurde überwiegend von Deutschen bewohnt, die sich auch als solche identifizierten und den tschechischen Mitbürgern sehr kritisch und abwertend gegenüberstehen konnten. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Sudetengebiet Teil der Tschechoslowakei und die Deutschen vertrieben. Diese, vielleicht weniger bekannten, Nachwirkungen des Zweiten Weltkrieges nimmt Rikl als Hintergrund für ihr Buch und verwebt damit die Familiengeschichte von Nina. Die Grausamkeiten sind manchmal schwer zu ertragen, die Auswirkungen auch.

Eine unnahbare Protagonistin

Obwohl Nina ihre Gefühle, Ängste und auch ihre Wut mit uns teilt, bleibt sie dennoch auf Distanz. Sie lässt ebenso wenig Nähe zu, wie ihre Mutter. Was sich wie ein Manko für das Buch anhört, ist aber eine Erleichterung. Für Die Leserschaft macht es einen Standpunkt außerhalb des Geschehens möglich, der es erlaubt, alle Auswirkungen der neuen Erkenntnisse auf Nina neutral zu beobachten. Der Fortschritt, den Nina macht, ist interessant und führt zu einer Erkenntnis, die ihr Leben bereichert. Darüber nachzudenken, gerade als Jemand aus der direkten Nachkriegsgeneration, kommt zwangsläufig.

Fazit

Claudia Rikl ist ein einfühlsames Familiendrama gelungen, das es zu lesen lohnt. Die Frage, was der Verlust von Familie und Heimat für Traumata hervorrufen kann und was diese für die Nachkommen bedeuten können, ist packend erzählt und regt zum Nachsinnen an. Eine absolute Leseempfehlung!

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