Ein Roman über eine stille Heldin, die keine sein wollte.
Die etwas schäbig gekleidete ältere Dame mit den umständlich hochgesteckten schlohweißen Haaren, den von Laufmaschen durchzogenen Strümpfen und dem langen himmelblauen Mantel, der seine besten Tage längst hinter sich hat, kennt jeder in Berlin-Schöneberg. Sie gehört quasi zum Inventar des Stadtteils. Doch keiner weiß, was sich hinter der etwas verwirrt wirkenden Frau verbirgt. Aber natürlich gibt es Gerüchte: Sehr fromm soll sie sein. Einige behaupten sogar, sie sei Millionärin. Ein großes Wohnhaus gehöre ihr. Angeblich eine Art Schweigegeld von einem der Nazibosse, mit dem sie eine Liaison gehabt haben soll. Eine geheimnisumwitterte Frau, deren wahre Geschichte keiner kennt - und die Martha E. auch niemanden erzählen würde.
Dabei gäbe es so manches aus ihrem Leben zu berichten. Mitte der 1920er-Jahren bieten die Gebrüder Berkowitz der noch jungen, aber fleißigen und gut erzogenen Martha eine Stelle als Hausbesorgerin in einem Schöneberger Mietshaus in der Crellestraße an. Und sie werden von ihr nicht enttäuscht. Die umsichtige Martha sorgt für Ordnung und Sauberkeit in dem gepflegten Haus. Sie kassiert die Miete bei den Bewohnern und erledigt kleinere Reparaturen. Als Entschädigung erhält die junge Frau, die stets ein offenes Ohr für alle hat, eine kleine Dienstwohnung im Hinterhaus und ein monatliches Salär. Schnell freundet sich Martha mit Harry Berkowitz` Tochter Liane an und wird nicht nur für diese in den nächsten Jahren eine wichtige Bezugsperson. Doch die scheinbar heile Welt verändert sich mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Viele fliehen, einige bleiben. Und diese finden immer mehr Halt bei der unscheinbaren Hausbesorgerin, die auch in schweren Zeiten für das einsteht, was ihr wichtig ist.
Realität und Fiktion
Die 1974 in Tel Aviv geborene Autorin Shelly Kupferberg wuchs in Westberlin auf und studierte später Publizistik, Theater- und Musikwissenschaften. Kupferberg ist Journalistin und moderiert für Deutschlandfunk Kultur und RBB radio3 Sendungen zu Kultur und Gesellschaft. Ihr erstes Buch „Isidor“ war ein Erfolg bei Publikum und Presse. Nur erscheint mit „Stunden wie Tage“ im Diogenes Verlag eine berührende, leise Geschichte, in deren Zentrum die Nicht-Jüdin Martha steht. Eine Frau, der die Autorin selbst noch auf den Straßen Schönebergs begegnet ist, denn Martha E. lebte dort tatsächlich bis 2004. Auch Kupferberg kannte die Gerüchte über die alte Dame und wurde neugierig. „Als ich beschloss, diesen Gerüchten nachzugehen, war mir die Tragweite alles andere als bewusst. Ich stieß auf Geschichten mutiger Menschen, die versuchten, in dunklen Zeiten ihrem inneren Kompass zu folgen, und dafür ihr Leben aufs Spiel setzten“, schreibt die Autorin im Nachwort ihres Romans. So entsteht mit dem aktuellen Werk eine literarische Würdigung für eine Frau, die sich auch in dunklen Zeiten unbeirrt und selbstlos voller Wärme und Nächstenliebe um andere kümmerte.
Historischer Erzählung
Der Roman beginnt zu Zeiten der Weimarer Republik. Da ihre schwer arbeitenden Eltern gesundheitlich zunehmend angeschlagen sind, bewirbt sich Martha auf eine Stellenanzeige der Gebrüder Berkowitz und erhält aufgrund ihrer Loyalität und Ehrlichkeit eine Anstellung als Hausbesorgerin. Besonders Harry Berkowitz schätzt Martha sehr und vertraut ihr auch immer wieder ohne Bedenken seine Tochter Liane an, deren Mutter Katharina mit der Erziehung des aufgeweckten Kindes oftmals überfordert ist. Für Liane ist die Hausbesorgerin schnell nur noch „Tante Martha“. Als diese den Briefträger Willy heiratet und schwanger wird, scheint die Welt nahezu perfekt. Doch die junge Frau verliert ihr ungeborenes Kind. Es soll nicht der letzte Schicksalsschlag bleiben, den sie erleiden muss. In den 30er-Jahren verändert sich Berlin immer mehr und der zunehmende Antisemitismus hält Einzug – auch mit Folgen für Harry und seine Familie. Während sich der jüdische Vater notgedrungen von Katharina scheiden lässt und nach England auswandert, erweckt in Liane besonders aufgrund der Liebe zu ihrem kriegsversehrten Freund Remus der Widerstand gegen das Regime – mit fatalen Folgen. Und Martha? Sie bleibt sich treu und hilft, wo sie nur kann und das weit über die NS-Zeit hinaus. Nicht, weil sie muss, sondern weil es ihr innerstes Empfinden ist.
Ruhige Erzählweise
Shelly Kupferberg lässt sich zunächst Zeit mit ihrer Figurenentwicklung und fügt mit jedem Kapitel ein weiteres Mosaiksteinchen hinzu. Dies gilt nicht nur für die Protagonisten, sondern auch für die zahlreichen Nebenfiguren, die auch ihre Geschichten zu erzählen haben und dadurch nicht zu einer bloßen Randnotiz verkommen. Es lohnt sich, allen Stimmen genau zuzuhören, denn dann bekommt man annähernd ein Gefühl dafür, was es heißt, in dieser Zeit gelebt zu haben.
Die überwiegend personale Erzählerin hält sich gewohnt mit Wertungen zurück und lässt stattdessen die Figuren sprechen. Dabei verknüpft Kupferberg geschickt Fiktion mit Realität, denn auch die Familie Berkowitz hat es im wirklichen Leben gegeben. Die Autorin stieß bei ihrer Recherche zu Martha auf deren Schicksal. Der Erzählton ist für einen Roman, der in der NS-Zeit spielt, ungewohnt ruhig, ja sogar nüchtern. Nur selten erheben Figuren wie Liane ihre Stimmen. Viele fügen sich notgedrungen ihrem Schicksal und müssen gleichzeitig damit leben. Ein mosaikhaftes Spiegelbild der Zeit, aus dem Kupferberg eine so wunderbare und berührende Erzählung webt.
Fazit
Mit „Stunden wie Tage“ erinnert Shelly Kupferberg in ihrem Roman nicht nur an Martha E. und Liane Berkowitz, sondern verwebt die Schicksale zweier Frauen, die auch über den Tod hinaus verbunden bleiben. In Zeiten einer immer notwendigeren intellektuellen Zeugenschaft zeigt der Roman, dass Menschlichkeit in dunklen Zeiten möglich ist - wenn man sich selbst treu bleibt.



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