Ein starker Abschied.
Dies ist ein Buch, das einfühlsamer und emotionaler nicht sein kann. Ein Sohn verabschiedet sich episodenweise von seinem Vater. Mit jeder neuen Erinnerung an diesen Vater, dessen Leben reich an Niederlagen war, wird Kindheit wieder lebendig. Es entsteht vor unseren Augen das Bild eines so liebenswerten Menschen, dass das Bedürfnis erzeugt wird, ihn unbedingt kennenzulernen.
Der Garten
Der Garten wird den Vater überleben, zwar nur rudimentär, später verwahrlost aber zunächst wird er in seiner ganzen Pracht beschrieben. Es ist ein riesiger Garten, der nicht nur eine Unmenge an Blumen beherbergt hat, sondern auch alle Arten von Gemüse und Obst. Alles konnte nur gedeihen mit der Arbeitslust und Leidenschaft eines Menschen, der diese Aufgabe zum Überleben braucht. Schon einmal hat der Garten ihn gerettet, als der Krebs ihn besiegen wollte. Siebzehn Jahre hat er durch diese Arbeit die Krankheit überlistet.
Die Kinder befürchten, dass die Gärtnerei ihn auslaugt, seiner Lebenskraft beraubt. Aber es ist nicht der Garten, der ihn umbringt. Mit dem Wissen nicht mehr lange leben zu können, plant er verzweifelt neue Bepflanzungen, macht sich Sorgen um den Kirschbaum und seine Tulpen. Mit den Ärzten verhandelt er, um wenigstens bis zum Georgstag bleiben zu können. Aber mit den Metastasen kann man nicht verhandeln.
Schmerz
Als die Kreuzschmerzen kommen, sind es erst Schmerztabletten, die helfen sollen. Fast minutiös beschreibt Georgi Gospodinov das Fortschreiten der Erkrankung seines Vaters, immer unterbrochen von Erinnerungen. Diese Erinnerungen stehen im direkten Kontrast zu den rationalen unbarmherzigen Ergebnissen der medizinischen Diagnostik. Neben der Angst den Vater zu verlieren, sind es auch die fast beschwörenden Worte an eine imaginäre Macht, er möge es ohne Schmerzen erleiden. Der Leitspruch des Vaters, „halb so wild“ täuscht darüber hinweg, dass die Metastasen in seinem Knochengerüst die fürchterlichsten Schmerzen erzeugen und alle Beschwörungen haben nichts gebracht. Er muss furchtbar gelitten haben, war aber gleichzeitig bemüht, keinem zur Last zu fallen und es keinen merken zu lassen. Auch darin besteht die Grösse dieses Menschen, der bis auf den Garten in seinen Unternehmungen ziemlich glücklos war. Aber Geschichten konnte er erzählen und es sind diese Geschichten, die das Buch nicht nur unendlich traurig machen, sondern auch manchmal ein Schmunzeln hervorrufen.
Georgi Gospodinov erzählt nicht durchgehend an einem Erzählstrang entlang. Immer wieder werden die Zustandsbeschreibungen des Kranken unterbrochen von Kindheitserinnerungen und Gedanken um Tod und Leben. Wie kann er einfach den Tag bewältigen mit all seinen Banalitäten, Zeitungsmeldungen und Geschehnissen, wenn sein Vater stirbt? Interessanterweise überwältigen ihn die Erinnerungen stärker in dieser Zeit, oftmals in Bezug zu seiner Person. Ihm wird bewusst, dass er alleine zurückgelassen wird, wie er schon als Kind immer gefürchtet hat. Dieses Mal ist es endgültig.
Beim Lesen dieses Werkes wird eine Tür in eine bulgarische Welt aufgetan, die vielleicht nicht so bekannt ist. Der Zusammenhalt der Familie, die trotz räumlicher Trennung seine Bedeutung nicht verloren hat. Besondere Tage (Der heilige Georg) werden gemeinsam mit gemütlichem Essen begangen. Das Kümmern um den Vater haben sich die Kinder geteilt und waren tagelang bis zum Ende um ihn herum. Er musste nicht allein sterben, alle waren da. „Mein Vater war Gärtner. Jetzt ist er ein Garten.“ Dieser wunderschöne Satz umschreibt in seiner Kürze die Essenz des ganzen Buches.
Der bulgarische Autor Georgi Gospodinov wurde 1968 im Jambol geboren. Mit seinen Romanen wie „Physik der Schwermut“ und „Zeitzuflucht“ ist er europaweit bekannt geworden und gilt mittlerweile als ein bedeutender europäischer Erzähler.
Fazit
Eine sehr berührende, poetische Sprache, bis zu dem Empfinden, manche Sätze mehrfach lesen zu wollen, weil sie so schön und wahrhaftig sind, haben mir trotz aller Traurigkeit geholfen, meine eigenen Verluste anders zu sehen.



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