Gelb, auch ein schöner Gedanke
- Kiepenheuer & Witsch
- Erschienen: Februar 2026
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Ein Roman über Abschiednehmen und Veränderung.
Georg, Ehemann und Vater, ist seit vielen Jahren multimorbid. Sein Tod ist eigentlich längst eine Frage der Zeit. Er stirbt, aber das eigentlich schon viel zu lange. Was macht dieser Prozess mit seiner Frau Ruth und der 16-jährigen Tochter Lea? Die Ehefrau, die den Tod Georgs nicht akzeptieren will, pflegt ihren Mann selbstlos zu Hause und gerät dabei zunehmend in einen Zustand tiefer Versunkenheit, in dem sie alles um sich herum, ja sogar ihre eigenen Bedürfnisse sowie die ihrer Tochter vergisst, weshalb sich beide zunehmend entfremden.
Und Lea? Die Teenagerin will einfach ein normales Leben führen und sehnt sich nach einer Liebesgeschichte mit dem gleichaltrigen Max. Die Mutter-Tochter-Beziehung ist gleichzeitig von Nähe und Entfremdung, Zuneigung und gegenseitiger Wut geprägt. Ruth und ihre Tochter, die über Jahre hinweg den familiären Ausnahmezustand zu meistern versuchen, müssen, aber können eigentlich nicht miteinander leben. Doch dann passiert etwas mit Georg, mit dem keiner gerechnet hat. Für Ruth und Lea die Chance, sich wieder anzunähern?
Starkes Debüt
Nefeli Kavouras ist eine der vielversprechendsten Stimmen der jungen deutschen Literatur. Die 1996 in Bamberg geborene, aber mittlerweile in Hamburg lebende Autorin studierte nach ihrem Abitur zunächst Kulturwissenschaften in Lüneburg. Seit 2018 arbeitet Nefeli für den mairisch Verlag, kuratiert das Literaturprogramm der altonale, führt mit Anselm Neft den Literaturpodcast „laxbrunch“ und moderiert regelmäßig Lesungen. 2022 erhielt sie das Residenzstipendium der Hamburger Kulturbehörde für einen Aufenthalt im mare-Künstlerhaus in Wentorf. 2023 gewann Nefeli in der Kategorie „Roman“ den Hamburger Literaturpreis für ihr Romanmanuskript „Wann stirbt Georg“, dem Arbeitstitel ihres Debüts „Gelb, auch ein schöner Gedanke”, das aktuell beim Verlag Kiepenheuer & Witsch erscheint. Der Roman wurde zuletzt für den Debütpreis der lit.cologne nominiert.
Die Idee für ihr Debütwerk hatte die junge Autorin bereits seit mehr als zehn Jahren. Im Mittelpunkt des Romans steht der Umgang mit dem Tod und die Angst vor dem Verlust eines geliebten Menschen. Sie habe den Tod und das Sterben verstehen müssen, sagt Nefeli, bevor sie das Leben richtig verstehen konnte. Ein Roman, der trotz der Schwere des Themas wunderbar leicht geschrieben erscheint und gleichzeitig eine erzählerisch-poetische Brillanz aufweist, die man in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur nicht allzu oft findet.
Zwischen Begleitung und Selbstbestimmung
Wie lange kann ein Mensch, der eine geliebte Person über Jahre hinweg beim Sterbeprozess begleitet, Mensch bleiben? Was macht die Zeit mit einem? Wie verändert sich das Wesen? Und wie kann man all das aushalten, was zum Leben dazu gehört, aber so unendlich schmerzt? Dies alles sind entscheidende Fragen, die im Mittelpunkt eines wunderbaren, aber zunehmend auch ungewöhnlichen Romans stehen. Bereits das erste Kapitel „Das Danach“ zeugt vom großen literarischen Feingespür der Autorin. Der Leser wird gleich zu Beginn mit einem der ausdrucksstärksten Romaneinstiege der letzten Jahre beschenkt. Einfach großartig.
Die Geschichte um Ruth, ihren im Sterben liegenden Mann Georg und der gemeinsamen Tochter Lea beginnt im Krankenhaus, in dem der Familienvater behandelt wird. Die Mutter ist zunehmend überfordert - mit der Situation, sich selbst und dem Leben. Auch Lea stößt immer mehr an ihre Grenzen - oder hat sie bereits überschritten. Während die Tochter insgeheim hofft, dass die seit acht Jahren andauernde Ausnahmesituation endlich vorbei ist, weigert sich Ruth, ihren 14 Jahre älteren Mann palliativ behandeln zu lassen und nimmt ihn wieder mit nach Hause. Mit Sterbenden kennt sie sich aus: Auch ihre Mutter begleitete sie bis zum Tod.
Lea ist das Gegenteil von Ruth. Seit der Erkrankung ihres Vaters spricht sie kaum noch mit ihm. Georg wurde ihr zunehmend fremd. Den kranken Vater will sie nicht akzeptieren. Am liebsten würde sie vor allem davonlaufen. Der nahende Tod des Vaters scheint sie zu ersticken. „Ich denke seit Jahren täglich an Papas Tod, er begleitet mich schweigend und manchmal lachend und manchmal schon fast sehnsüchtig auf all meinen Wegen […]“, beschreibt die Teenagerin ihr Leben. Manchmal ertappt sie sich dabei, wie sie sich den Tod des Vaters wünscht. Ist das verwerflich? Es sind kurze Momente der Verzweiflung, aber schon im nächsten Augenblick ist sie wieder zurück im Leben, muss funktionieren. Aber wie? Eine emotionale Überforderung für die 16-Jährige.
Ruth dagegen erlebt täglich den körperlichen Abbau ihres Mannes, wie seine Haut zunehmend grau wird; seine Atmung klingt längst nicht mehr menschlich. Reden können sie nicht mehr miteinander, auch schaut Georg seine Frau nicht mehr an. „Witwe, das bin ich doch schon, während mein Mann hier liegt […]“, muss Ruth feststellen. Auch ihr Leben verändert sich. Ruth wird gleichgültiger, vernachlässigt sich, verfällt zunehmend. „Eigentlich bin ich zu müde, um Mutter oder Ehefrau zu sein.“ Aber was wäre sie, wenn sie dies nicht wäre?
Ungemein reifes Debüt
Nefeli Kavouras gelingt ein beeindruckender Debütoman über Identität, Selbstbestimmung, Familie und das Schweben dazwischen. Ruth und ihre Tochter sind Suchende, die Halt im Leben brauchen, um sich selbst nicht aufzugeben. Die Autorin erzählt diese Suche nicht als lineare Entwicklung, sondern als ständige Annäherung. Ein Versuch voll von gedanklichen Abschweifungen, reflektiven Einsprengseln und Momenten der Erinnerung. Es sind diese gedanklichen Fragmente, ein Bewusstseinsstrom, die Nachahmung des Denkens, was dem Text so viel Glaubwürdigkeit verleiht. Der Leser dreht sich mit den Protagonistinnen im Kreis, ufert gedanklich aus, verzettelt sich und beginnt von vorne. Alltagsbeobachtungen und Momentaufnahmen, denen Kavouras mit ihrer klaren Sprache voller Verletzlichkeit, aber auch feiner Ironie Tiefe verleiht. Tod und Sterben sind keine Einbahnstraße. Die Autorin stellt ihren Protagonisten die Möglichkeit entgegen, das Leben anders zu betrachten.
Kavouras schreibt authentisch, ohne die Wirklichkeit zu verklären, aber stets voller Hoffnung. Dennoch geschieht dies im Roman auf sehr ungewöhnliche, ja kafkaeske Weise. Darauf muss man sich als Leser einlassen können. Man wird unweigerlich an Kafkas „Die Verwandlung“ erinnert, auch wenn Kavouras mit Mutter und Tochter eine andere Perspektive einnimmt. Ein spannender Einblick, der die Perspektive des sterbenden Vaters aber fast gänzlich ausspart.
Fazit
„Gelb, auch ein schöner Gedanke“ ist ein leiser, bewegender Roman, keiner, der mit großen dramaturgischen Wendungen arbeitet, aber dennoch literarische Tiefe besitzt. Wie Ruth den Tod ihres Mannes begleitet, so begleitet der Roman und seine Handlung den Leser, drängt sich nicht auf, lässt Platz für Gedanken und Empfindungen, verwirrt, schmerzt - und lässt einen deswegen auch nicht los. Bravo, Nefeli Kavouras, ein beeindruckendes Debüt!

Nefeli Kavouras, Kiepenheuer & Witsch

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