Eine amerikanische Jugend.
Der Vater längst verstorben, die Mutter schwere Alkoholikerin: Damon hat keinen leichten Start ins Leben, wird er doch mitten in Lee County im tiefsten Virginia in eine Trailerpark-Community hineingeboren. Aufgrund seines feuerroten Haares, das er nach Hörensagen von seinem Dad geerbt haben soll, wird er bald von allen nur noch „Demon Copperhead“ genannt. Der Junge mag wie ein wandelndes Klischee klingen, doch er weigert sich standhaft, eines zu sein. Wenn er nämlich nicht gerade mit seinem besten Freund „Maggot“ die Gegend unsicher macht, sitzt er zuhause und zeichnet. Und das kann er ausgesprochen gut!
Als seine Mutter unerwartet plötzlich verstirbt, beginnt für den Heranwachsenden jedoch sein ganz eigenes Martyrium: Dem Pflegesystem ausgeliefert, wird er von Familie zu Familie gereicht, ohne je die Wertschätzung und Stabilität nachgeliefert zu bekommen, die ihm in früher Kindheit gefehlt hat. Bis es ihn zum Highschool-Football-Coach verschlägt: Dort freundet er sich nicht nur mit dessen Kind Angus an, sondern entdeckt auch ein ungeahntes Talent für den Football, wodurch sein unstillbarer Hunger nach Anerkennung endlich gestillt zu werden scheint. Doch eine Verletzung wird ihm zum Verhängnis, denn es folgt die Sucht nach verschreibungspflichtigen Schmerzmitteln und schließlich der Absturz in den Drogensumpf. Wird Demon sich wieder daraus befreien können, oder wird er ein weiteres Opfer der Umstände, wie so viele vor ihm …?
„Für die Überlebenden“
Barbara Kingsolver, geboren in Kentucky, erwarb zunächst einen M.A. in Biologie und Umweltwissenschaft, bevor sie als freie Journalistin tätig wurde. Ihr Debutroman erschien 1988, viele weitere sollten nachfolgen, die sich häufig mit in den USA gesellschaftlich relevanten Themen wie u.a. dem Klimawandel befassen und zahlreiche Auszeichnungen erhielten. Nach ihrer Aufnahme in die American Academy of Arts and Letters erhielt Kingsolver 2023 für ihren Roman Demon Copperhead den Pulitzer-Preis für Belletristik (geteilt mit Hernán Diaz – ein Novum in der Geschichte dieser Preisverleihung). 2024 erschien nunmehr bei dtv die deutsche Übersetzung. Aber ist dieser Roman nur für amerikanische Staatsbürger interessant, oder finden sich darin übergreifende Lebensrealitäten und universelle Motive?
„Es ist vergeblich, sich an die Vergangenheit zu erinnern, wenn sie nicht einen gewissen Einfluss auf die Gegenwart ausübt“ – Charles Dickens
Tatsächlich orientiert sich Kingsolvers Roman an einer literarischen Größe: Pate stand Charles Dickens‘ Roman David Copperfield aus dem Jahr 1850. Auch wenn Dickens und sein Roman, der den Titelhelden durch die Irrungen und Wirrungen seiner Jugend bis zum Erwachsenenalter begleitet, gelegentlich stärkerer Kritik ausgesetzt waren und phasenweise als seicht und rein unterhaltend abgetan wurden, findet sich das Buch heute in der Liste der „100 Greatest British Novels“ der BBC wieder. Natürlich spielt die Handlung bei Kingsolver nicht im viktorianischen England, sondern wird sie in die Südstaaten der USA in den ausgehenden 90ern und frühen 2000ern verlegt. Dies gibt der Autorin die Möglichkeit, aus thematischen Allgemeinplätzen zu schöpfen, die auch Dickens interessierten: Wer bin ich? Wer will ich sein? Wie gehe ich durch die Welt? Ist mein Schicksal von meiner Vergangenheit und meinen Erfahrungen bestimmt, oder bin ich der Schöpfer meines eigenen Lebens? Dieses klassische „Bildungsroman“-Narrativ verbindet Kingsolver mit der ihr typischerweise am Herzen liegenden Sozialkritik.
Dieses schriftstellerische Experiment hätte sich leicht in Sentimentalitäten, Plattitüden und Larmoyanz ergehen können, ohne einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Es gibt jedoch zwei eng miteinander verknüpfte Gründe, warum Kingsolvers Buch, anstatt darin abzurutschen, tatsächlich berührt:
Zum einen verweigert sie sich einer sentimentalen Sprache, sondern wählt stattdessen einen unaufgeregten, direkten und doch lebensechten Stil, der den Duktus der Charaktere glaubhaft einfängt. Dies wird von Dirk van Gunsteren auch gelungen ins Deutsche herübergerettet. Das ist deshalb so wichtig, weil es sich bei dem Text – getreu der Vorlage – um den aus der Rückschau erzählten Selbstbericht des Protagonisten handelt, was dessen Innenleben der Leserschaft daher sehr nahe bringt. Das Level an Reflexion, das damit zur Schau gestellt wird, sagt nicht nur viel über die Figur, sondern eröffnet auch einen möglichen Blick in deren Zukunft.
Zum anderen – und dies erwächst organisch aus der stilistischen Ebene – erschafft Kingsolver sehr plastische Charaktere, die man mal liebt, mal hasst, die sich aber allesamt echt anfühlen. Allen voran hat sie mit Demon Copperhead einen sehr dreidimensionalen, liebenswerten Protagonisten erschaffen, mit dem man trotz - oder gerade wegen - all seiner nur zu menschlichen Fehler mitfiebert, dem man ein besseres Leben wünscht. Denn sich ausgesucht oder gar verschuldet hat er seine Umstände nicht. Vielmehr muss er sich gegen ein offensichtlich krankes und kaputtes System behaupten, dessen erschütternde Missstände ohne moralischen Zeigefinger offenbart werden. Die (geringfügige) zeitliche Distanz zur Gegenwart macht das Ganze leichter verdaulich, regt aber auch zum Nachdenken an. Demon gelingt es aber nicht nur wegen seiner Vielseitigkeit und unverhofften, verborgenen Talente, immer wieder aufzustehen und weiterzumachen, sondern auch wegen seinem Biss, seinem Galgenhumor und seinem hartnäckigen Bestehen darauf, die Welt um ihn herum mit liebevollem und großmütigem Blick zu betrachten.
Fazit
Demon Copperhead ist eine Mischung aus Gesellschaftsroman und klassischer Coming-of-Age-Geschichte, die einen aufgrund ihres Stils und ihrer Figuren nicht nur geradezu durch die weit über 800 Seiten fliegen lässt, sondern auch da nachhallt, wo andere Autor*innen mit demselben Stoff womöglich baden gegangen wären. Zudem dürfen sich Literaturkenner darauf freuen, die Bezüge zu David Copperfield zu entdecken. Das zurecht offene Ende stimmt versöhnlich, aber nicht so sehr, dass es dem Geschilderten die Schärfe nimmt. Hier und da ist alles eine Schippe zu viel, sind die Einsichten etwas zu gewollt, verläuft der Plot etwas holprig – doch die bleibenden Qualitäten des Buches überzeugen so oder so.



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