Wenn die Kraniche nach Süden ziehen

  • btb
  • Erschienen: Januar 2026
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Wenn die Kraniche nach Süden ziehen
Wenn die Kraniche nach Süden ziehen
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Marianne Schäper-Mürmann
921001

Belletristik-Couch Rezension vonFeb 2026

Was am Ende wirklich wichtig ist.

Seitdem seine demente Ehefrau Frederika in einem Pflegeheim lebt, ist der 89-jährige Bo allein mit seinem geliebten Hund Sixten in seinem Haus in Nordschweden. Er ist auf die Hilfe der mehrmals täglich zu ihm kommenden Pflegekräfte angewiesen. Soweit es dessen Arbeit zulässt, kümmert sich auch Bos Sohn Hans um ihn, jedoch hat sich zwischen den beiden seit einigen Jahren eine gewisse Sprachlosigkeit breit gemacht.

„Alle denken sie könnten über mein Leben bestimmen – nur ich selbst darf es nicht“

Bo verbringt seine Zeit meistens mit Sixten auf der Küchenbank liegend; seit Frederika nicht mehr bei ihm wohnt, hat er das gemeinsame Schlafzimmer nicht mehr genutzt. Die altersbedingten Veränderungen seines Körpers machen ihm zu schaffen und es fällt ihm schwer damit zu leben, dass nicht mehr er, sondern sein Sohn und die Pflegekräfte entscheiden, was gut für ihn ist. Nichts fürchtet Bo aber mehr als den drohenden Verlust von Sixten, denn Hans will den Hund weggeben, da Bo seiner Meinung nach zu gebrechlich für die täglichen Spaziergänge mit ihm ist. Mit dem Verlust Sixtens droht Bo seinen Lebenswillen zu verlieren.

Die Leser/innen begleiten Bo in den letzten fünf Monaten seines Lebens. Die Kalendertage markieren die einzelnen Buchkapitel und beinhalten auch regelmäßig eingeschobene kurze Übergabeprotokolle der Pflegekräfte; dies sorgt für einen sachlichen Blick von außen auf Bos Situation. Die Autorin lässt Bo als ich - Erzähler eindrucksvoll von seinem jetzigen Leben mit den vielfältigen Einschränkungen berichten. Bo nimmt die Leserschaft aber auch mit in seine Erinnerungen an Hans’ Kindheit und an seine eigene Jugend, in der er unter seinem hartherzigen Vater gelitten hat. Es ist anrührend, wie Bo in diesen Rückblicken Frederika, wie in einem Brief, immer wieder direkt anspricht und die zärtliche Liebe zu seiner Frau deutlich wird.

„… das Versprechen, das ich mir selbst abgenommen habe: alles ins Reine zu bringen, bevor die Reihe an mir ist, damit nichts zwischen uns steht, wenn das Ende kommt.“

Neben dem Verlust der Selbstbestimmung und seiner zunehmenden Gebrechlichkeit belasten Bo vor allem die Sorge, als Vater in manchem versagt zu haben, und seine Unfähigkeit, über seine Gefühle zu sprechen. Einfühlsam schildert die Autorin Bos Auseinandersetzung mit seiner Vaterrolle und seinem Ringen um Aussprache mit Hans, bevor es zu spät ist.

Trotz dieser nicht einfachen Themen gelingt der Autorin eine eindrucksvolle Darstellung des alten Mannes an seinem Lebensende, ohne an irgendeiner Stelle ins Sentimentale abzugleiten. Lisa Rizdén erzählt fesselnd und berührend in einer klaren, schnörkellosen Sprache über das Ende eines langen Lebens.

Fazit

Ein fulminanter Roman, der - ohne falsches Pathos - Altwerden, Abschied und den Blick auf eigenes Gelingen und Scheitern wunderbar zur Sprache bringt. Eine unbedingte Leseempfehlung für dieses Romandebüt!

Wenn die Kraniche nach Süden ziehen

Lisa Ridzén, btb

Wenn die Kraniche nach Süden ziehen

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