Wo der Wind die Namen trägt
- C. Bertelsmann
- Erschienen: März 2026
- 1


Verdrängen wird zum Schutzmechanismus.
Die über achtzigjährige Inge Sundermann will die Einladung zum Klassentreffen in der Lüneburger Heide erst gar nicht annehmen. Sie befürchtet, mit der verdrängten Vergangenheit konfrontiert zu werden. Lieber lässt sie diese ruhen. Und das hat seine Gründe.
Reise in die Kindheit
Nora, die Enkelin von Inge, versucht, sie für das Treffen zu begeistern. Doch alles Zögern hilft nichts, denn bereits jetzt tauchen Bilder aus der Vergangenheit auf. Erinnerungen, die sie glaubte, tief im Inneren vergraben zu haben. Aber Nora lässt nicht locker und schlägt Inge schliesslich eine gemeinsame Reise mit ihr und ihrem kleinen Sohn vor. Das Argument zieht und Inges Widerstand bröckelt. Und plötzlich interessiert es sie, ob ihre ehemaligen Klassenkameraden von ihrem Geheimnis wissen. Ein Geheimnis, das sie seit Kindertagen mit sich herumträgt.
Die Schönheit der Heide überwältigt Inge und mit den Landschaftsbildern und den Gerüchen werden alte Erinnerungen wach. Als ihr Freund aus Kindertagen ihr jedoch von den Chroniken der Journalistin Helga von Borcke erzählt, wird ihre Angst vor einer Entdeckung übermächtig. Auch nach so vielen Jahren.
«In diesen letzten Jahren hatte sie die wohl bitterste Lektion ihres Lebens gelernt: dass die Gerechtigkeit nicht in jedem Fall gewann. Ganz im Gegenteil. Niemand wollte sie hier. Alle machten einfach weiter. Die Unschuldigen, weil sie vergessen wollten. Die Schuldigen, weil sie sich im Recht glaubten und der Strafe entgehen wollten.»
Idyllische Landschaft und schreckliche Ereignisse
Anja Jonuleit holt mit ihrem Roman «Wo der Wind die Namen trägt» ein schreckliches Stück Vergangenheit in die Gegenwart. Dennoch ist es wichtig, dass Ereignisse wie zum Beispiel das Massaker von Celle nicht in Vergessenheit geraten. In der Endphase des Krieges wurde ein Räumungstransport bombardiert, woraufhin 170 Häftlinge zu fliehen versuchten. Sie wurden verfolgt und hinterhältig erschossen.
Für ihre Erzählung hat Anja Jonuleit die Geschichte auf zwei Zeitebenen, 1946 und 2023, aufgebaut und drei Handlungsstränge miteinander verwoben. Die Perspektiven wechseln dabei laufend zwischen derjenigen der achtjährigen und der über achtzigjährigen Inge sowie Helga von Borcke, der Chronistin.
Die Rückblicke auf Inges Kindheit zeigen, in welchem Umfeld sie aufgewachsen ist und wie das verklärte Bild bis weit ins Erwachsenenalter Bestand hatte. Das Verdrängen wurde zum Schutzmechanismus.
Die Autorin belässt es jedoch nicht nur beim Perspektivenwechsel. Sie verstärkt die unterschiedlichen Erzählungen auch durch die optische Veränderung des Schriftbildes.
Besonders gut sind der Autorin die bildhaften Beschreibungen der Lüneburger Heide gelungen. Man kann sich die verstreuten Siedlungen, umgeben von Wald und Wiesen, und die Distanzen dazwischen sehr gut vorstellen. Einige Beschreibungen sind dagegen zu ausschweifend und wiederholen sich. Dadurch entstehen Längen, die ermüden.
Fazit
Das Beeindruckende an diesem Roman ist, wie Anja Jonuleit Inges Kindheitsidylle entzaubert und das verdrängte Schreckliche Stück für Stück sichtbar macht. Zwar muss man sich an den sprunghaften Beginn der Erzählung gewöhnen, doch insgesamt ist es eine leicht zu lesende Lektüre. Die fiktive Geschichte, die den historischen Kontext umgibt, beruht auf den Erlebnissen der Mutter der Autorin. Allerdings beschreibt sie bedrückende Ereignisse nach Kriegsende, die unter die Haut gehen.


Deine Meinung zu »Wo der Wind die Namen trägt«
Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer und respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Bitte Spoiler zum Inhalt vermeiden oder zumindest als solche deutlich in Deinem Kommentar kennzeichnen. Vielen Dank!