Der Traum des Jaguars

Der Traum des Jaguars
Der Traum des Jaguars
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Carola Krauße-Reim
981001

Belletristik-Couch Rezension vonJan 2026

Eine kraftvolle Familiengeschichte.

Ein wenige Tage altes Baby wird auf den Stufen der Kirche in Maracaibo, Venezuela, gefunden. Es wächst in äußerster Armut auf, doch seine Intelligenz und Willenskraft lassen den Jungen zu einem berühmten Chirurgen werden. Auch seine große Liebe Ana Maria ist Ärztin, doch Tochter Venezuela geht einen anderen Weg, der sie nach Frankreich führt. Mit Enkel Cristóbal schließt sich der Kreis. Er kehrt nach Maracaibo zurück und wird Schriftsteller.

Ein großes Erzähltalent aus Frankreich

Es ist kaum zu glauben, doch Miguel Bonnefoy erzählt in „Der Traum des Jaguars“ seine eigene Familiengeschichte. Das Buch wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet und lässt dadurch die Hoffnung aufkommen, dass auch die vier vorher erschienenen Romane des Autors nun endlich auch auf Deutsch verlegt werden. Bonnefoy hat sich als großartiger Erzähler entpuppt, dem die Sprache seiner Geschichte genauso wichtig zu sein scheint, wie das Narrativ selbst.

Ein sprachliches Niveau, das begeistert

Bonnefoy wählt für seine Geschichte eine ungewöhnliche Perspektive: Ein neutraler Erzähler gibt das Leben von Antonio, Ana Maria und Venezuela wieder. Das heißt, die Leserschaft betrachtet das Geschehen von außen, ohne die Gedanken oder Gefühle der Protagonisten zu erfahren. Das ermöglicht eine objektive Wahrnehmung der Ereignisse, kann aber auch zu einer Distanz führen, die das Erzählte langweilig macht. Doch nicht in diesem Buch! Der Autor bedient sich einer so elaborierten Sprache, dass es ein außergewöhnliches Vergnügen ist, die Geschichte zu lesen. Trotz der distanzwahrenden Erzählweise ist man gebannt von dem, was Antonio, seine Frau, Tochter und sein Enkel erleben. In dieser Familie gibt es mehr als einen Jaguar „im Katzenwurf“. „Er wächst anders auf. Er ist unabhängig. Das sind diejenigen, auf die sich unsere Stadt gründet. Wir entstammen alle dem Traum eines Jaguars“.

Familien- und Landesgeschichte

In erster Linie gibt „Der Traum des Jaguars“ Antonios Familiengeschichte wieder. Doch die ist eng verbunden mit den politischen und wirtschaftlichen Ereignissen Venezuelas. Es gibt den Ölboom und die daraus resultierenden Umweltfolgen. Die Entwicklung der Stadt Maracaibo spielt auch eine Rolle, nicht zuletzt, weil Antonio dort eine Universität ins Leben ruft. Es gibt Revolutionen und Gegenrevolutionen, Aufstände und Putsche. Und sowohl Antonio, und dadurch auch Ana Maria, sind teilweise darin verstrickt. Schon während der Lektüre kann daher der Wunsch aufkommen, mehr über Venezuela zu erfahren, vor allem, da der südamerikanische Staat auch in der Gegenwart immer wieder von sich reden macht.

Fazit

Miguel Bonnefoy ist mit „Der Traum des Jaguars“ eine Familiengeschichte gelungen, die sowohl inhaltlich als auch sprachlich brilliert. Wer sich an einer elaborierten Sprache ebenso erfreuen kann, wie an ungewöhnlichen Protagonisten ist hier genau richtig!

Der Traum des Jaguars

Miguel Bonnefoy, Eisele

Der Traum des Jaguars

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