Wie aus Ablehnung eine große Freundschaft wird.
Der 18-jährige Supermarktverkäufer Benjamin Glass hat kein leichtes Leben. Als wäre es nicht schlimm genug, dass seine geliebte Großmutter, mit der er zusammen in einem Caravan-Park an der englischen Ostküste lebt, im Krankenhaus liegt. Benjamin hat Angst vor allem: Viren, Bakterien oder auch über die Luft übertragbare Krankheitserreger. Das ist alles andere als ideal, da gerade die noch unbekannte Corona-Welle nach Großbritannien schwappt. Benjamins Leben ist eingeengt. Seine Vorgesetzte, die exzentrische, aber liebevolle Camille, rät ihm, sich doch einmal den toten Wal am Strand anzuschauen. Vor Ort bereut Benjamin, dass er den Rat Camilles angenommen hat: zum einen wegen des wenig einladenden Anblicks des Tierkadavers, zum anderen, weil sich dort ein herrenloser Windhund zu ihm gesellt und nicht mehr von seiner Seite weicht.
Ihm bleibt nichts anderes übrig, als sich um den Hund zu kümmern. Für Benjamin ein Graus, sieht er in ihm doch in erster Linie einen Bazillenherd mit zahlreichen potentiellen Krankheiten. Als erstes legt Benjamin daher eine Liste an, was der Hund im Haus berührt - damit er später alles desinfizieren kann. Doch irgendwie macht der Hund etwas mit ihm. Benjamin fühlt sich durch die Nähe und das Zutrauen des Tieres zunehmend lebendiger.
Als der Essenslieferant Leonard in dem Vierbeiner den Großen Gary, den schnellsten Hund des Landes, erkennt und Benjamin vor dessen grausamen Besitzern warnt, fasst dieser einen Entschluss: Er will Gary nicht mehr verlieren und muss ihn mit allen Mitteln beschützen, auch wenn er sich dafür auf einen abenteuerlichen Roadtrip mit dem wenig vertrauenerweckenden Leonard einlassen und sich seinen schlimmsten Ängsten stellen muss.
Debütroman
Autor Rob Perry wurde 1987 geboren und studierte Kreatives Schreiben an der University of East Anglia. Er arbeitete als Werbetexter sowie bei der Feuerwehr und als Fitnesscoach, ehe er sich ganz dem Schreiben widmete. Heute lebt Perry im Peak District in Nordengland. „Der große Gary“ ist sein Debütroman und erscheint hierzulande im DuMont Verlag. Eine ungewöhnliche, schräge Story, die absolut lesenswert ist.
Wundervolle Geschichte
Der Roman besitzt das Potential, ein richtiges Herzensbuch zu werden. „Der große Gary“ ist wunderbar humorvoll und herrlich skurril. Gleichzeitig ist es auch ein stilles, leises Buch, das berührt und unter die Haut geht. Vor allem besitzt es aber großartige Charaktere, ein Sammelsurium von Außenseitern und gescheiterten Existenzen. Dabei steht der Protagonist Benjamin gerade erst an der Schwelle zum Erwachsensein, aber sein Leben scheint bereits vorgezeichnet. Freundschaften pflegt er keine, stattdessen lebt er mit seiner Großmutter zusammen. Sie ist ihm eine große Stütze, nimmt sie ihn doch an, wie er ist. Aber nun liegt sie im Krankenhaus und wird wohl nicht mehr zurückkehren. Das weiß auch Benjamin.
Doch das Leben meint es auf einmal gut mit dem jungen Supermarktverkäufer. Seine Vorgesetzte Camille würde es Karma nennen, dass ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt ein Hund in Benjamins Leben tritt und dieses so richtig auf den Kopf stellt. Plötzlich muss der eher schüchterne, introvertierte und ängstliche junge Mann über sich hinauswachsen, um den neuen Freund Gary zu beschützen. Sein Leben erhält ein Ziel, für das es sich zu kämpfen lohnt.
Tiefgang, Wärme und Humor
Der Roman bietet wirklich alles, ist herzzerreißend, spannend und immer wieder extrem humorvoll. Rob Perry besitzt ein feines Gespür dafür, seiner Geschichte Leben einzuhauchen und nie ins Alberne oder Banale abzugleiten. Er nimmt seine Figuren trotz so mancher witziger Textpassage ernst, überzeugt mit wundervollen Dialogen und zahlreichen unter die Haut gehenden Passagen. Besonders unterhaltsam ist der Roman immer dann, wenn man als Leser in Benjamins verquere Gedankenwelt eintaucht. Nachdem zum Beispiel in seinen Caravan eingebrochen und alles auf den Kopf gestellt wurde, kennt er nur eine Angst - mangelnde Hygiene des Einbrechers: „Er dachte an die Körperpflege desjenigen und fragte sich, ob er sich die Hände gewaschen hatte, nachdem er sich zuletzt an den Genitalien berührt hatte. Bevor er all seine persönlichen Gegenstände angefasst hatte.“ Man muss Benjamin einfach gernhaben, gerade weil er mit seinen Phobien und seiner beinahe kindlichen Naivität immer wieder an seine Grenzen stößt. Perry lässt seinen Protagonisten aber zum Glück nicht zu einem Superhelden werden, sondern zu einem Menschen, der durch die Liebe zu einem Tier bereit ist, Grenzen zu verschieben und über sich hinauszuwachsen.
Fazit
„Der große Gary“ ist ein Roman, der für die kälteren Herbsttage wie gemacht erscheint. Eine ungewöhnliche, aber herzerwärmende Coming-of-Age-Geschichte, die nicht nur Hundeliebhaber erfreuen wird. Sie werden den Roman nicht aus den Händen legen und mit jeder Seite mehr in die Geschichte eintauchen. Wahrlich ein kleines Juwel.



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