Wie wird einer so?
SCHWARZHEMDEN (it.: camicie nere oder squadristi): Sammelbezeichnung für die Mitglieder paramilitärischer Milizen der italienischen Faschisten, u.a. der squadre d’azione (Aktionskommandos), die insbesondere 1919-1920 gewaltsam gegen die sozialistischen Bestrebungen auf dem Lande vorgingen
Italien in den 1920er Jahren: Der junge Mattia Gregori lebt in Triest mit seinem Vater, dem Uhrmacher, in dessen Fußstapfen er wohl einst treten wird, und seiner Mutter Tella ein beschauliches Leben. Bis diese ihm auf dem Sterbebett eine unfassbare Wahrheit offenbart: Sie ist gar nicht seine leibliche Mutter; wer diese wirklich sei, könne sie aber nicht sagen. Verzweifelt versucht Mattia, Informationen aus seinem Vater herauszubekommen – vergeblich. War seine Mutter am Ende Slowenin? Wütend und desorientiert treibt es ihn in die Arme der faschistischen Bewegung, die langsam aber sicher in der Region an Zulauf gewinnt und ausländische oder sozialistische Tendenzen gnadenlos auszumerzen gedenkt.
Zuvor ein unbeschriebenes Blatt, naiv, unbedarft, ohne Prinzipien, Ideale oder ein Verständnis der Welt jenseits seines Horizonts, findet Mattia in den faschistischen Gewaltexzessen einen Sinn, eine Bestimmung, und ein Ventil für den Zorn und den Schmerz im Inneren. Schnell steigt er als „Bambino“ (aufgrund seines fehlenden Bartwuchses und jungenhaften Äußeren) in den Ränken der „Schwarzhemden“ auf und wird für seine ausnehmende Brutalität berühmt-berüchtigt. Doch ewig kann es nicht so weitergehen, und in den Wirren des schließlich hereinbrechenden Krieges werden „Bambino“ auf erschütternde Art und Weise die Augen geöffnet …
„Es war lächerlich, zu glauben, dass hinter diesem feindlichen Himmel ein Gott an unser Wohl dachte“
Marco Balzano, Jahrgang 1978, wurde in Mailand geboren und gilt als einer der erfolgreichsten zeitgenössischen Autoren Italiens. Heute Literaturdozent, hat ihn das geschriebene Wort schon sein Leben lang begleitet. Sein Output umfasst Aufsätze für Fachzeitschriften, Gedichte, aber auch zahlreiche – teils preisgekrönte – Romane, von denen einige (z.B. Ich bleibe hier oder Café Royal) auch bereits hierzulande erschienen sind. Mit Bambino liegt bei Diogenes nun auch sein aktuellstes Werk in der einfühlsamen deutschen Übersetzung von Peter Klöss vor.
„Was man die Geschichte nennt, ist kein Anlass für Stolz, ist sie doch gemacht aus dem, was kriminell in uns“ – Wystan H. Auden
Balzano findet die richtige Sprache, um das Setting seines Romans glaubhaft zum Leben zu erwecken. Besonders gelungen ist die Zeichnung die Figuren, die ungeschönt in ihren Hoffnungen und Sehnsüchten, aber auch mit ihren düstersten menschlichen Abgründen gezeigt werden. Sie müssen sich zwischen Alltag und Chaos bewegen und hinterfragen dabei ständig das Leben – allen voran der zwar nicht unbedingt sympathische, aber trotzdem in seiner Lernkurve bestechende Protagonist, der anfangs als unbeschriebenes Blatt in die Fänge der Faschisten gerät und durch Krieg, Entwurzelung und Gewalt schließlich harte Lektionen über das Leben lernen muss, ohne Absolution oder innere Heimat finden zu können. Die Suche nach der Mutter – und damit nach Liebe, die er gelegentlich auch beim weiblichen Geschlecht sich zu finden erhofft – ist und bleibt dabei zentrale Motivation. Am ergreifendsten sind jedoch die Wortgefechte zwischen ihm und dem abgeklärten, stillen und doch standhaften Vater, dem ob der neuen Gesinnung seines Sohnes das Herz bricht, und der trotzdem immer wieder Vergebung für ihn übrig hat.
„Unterwerfen und Plündern, solange man kann, bis man selbst dieses Schicksal erleidet: Ist so das Leben?“
All diese einzelnen Stärken stehen jedoch leider nicht im Dienste eines überzeugenden Gesamtkonzeptes, was auch das große Problem des Romans ist. Soll er ein Stück Zeitgeschichte darstellen? Ein Sittengemälde? Eine Coming-of-Age-Story? Ein Familiendrama? Einen politischen Kommentar? Er könnte all das sein, ist am Ende aber leider nichts davon. Balzano gelingt es leider nicht, sich zu entscheiden, was für eine Geschichte er eigentlich erzählen will, weshalb einen diese trotz der unleugbaren literarischen Skills am Ende etwas ratlos und unbefriedigt zurücklässt. Trotz lebenskluger Einsichten versteht man letztendlich weder das System des Faschismus besser als zuvor, noch die Ursachen, die dazu führen, dass junge Menschen wie Mattia sich dazu hingezogen fühlen. Viel zu schnell bricht der Abschnitt über den Krieg herein, und abgestumpft durch die viele Gewalt bleibt der Gehalt irgendwann auf der Strecke. Der Roman ist kurz und knackig, aber hinterlässt ein überraschend ausgefranstes und schales Gefühl, das nicht allein auf die schwere Thematik zurückzuführen ist. Bambino scheint ein klarer Kern zu fehlen – das gilt für das Buch wie für den namensgebenden Protagonisten.
Fazit
Marco Balzano schreibt mit poetischer Sprache über das Leben eines jungen Mannes auf Abwegen. Doch Bambino bleibt deutlich hinter seinen Möglichkeiten zurück. Zwar sehr anregend zu lesen, verhebt sich der Roman leider und weiß nicht so recht, wohin.



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