Gegen das Vergessen.
Im Juni 1989 wurde die studentische Demokratiebewegung in Peking gewaltsam beendet. Das „Tian‘anmen Massaker“ forderte zahlreiche Menschenleben, auch danach, durch Folter und Hinrichtungen. Bis heute wird die Erinnerung daran verhindert. Oppositionelle müssen weiterhin mit den Repressalien der chinesischen Führung rechnen, auch wenn sie sich im Ausland befinden. Aus diesem Grund ist „Lai Wen“ ein von der Autorin verwendetes Pseudonym. Denn auch sie nahm an den Protesten vor mehr als 36 Jahren teil, jedoch aus eigenem Bekunden nur als Figur am Rande und nicht als Führende der Demonstranten.
Fiktiv und doch real
Lai Wen lässt eine andere Lai aus ihrer Sicht erzählen. Diese Lai ist inspiriert vom Leben der Autorin, wie die in einem Brief an die Leserschaft im Anhang angibt. Was tatsächlich Fiktion und Realität im Roman ist, kann man nur erahnen, ist aber eigentlich auch nebensächlich, denn „Himmlischer Frieden soll eine poetische Geschichte sein, schmerzlich und köstlich zugleich, aber auch ein Stück wahre Historie ...“.
Ebenso wie die Autorin wächst die Lai aus der Geschichte in einem Arbeiterviertel in Peking auf. Die Eltern gehen auf Distanz zu ihr, Liebe erhält sie nur von ihrer Großmutter. Als diese stirbt, fällt Lai in ein tiefes Loch. Doch Intelligenz und Ausdauer verschaffen ihr ein Stipendium an der Universität in Peking, wo sie mit der studentischen Demokratiebewegung in Kontakt kommt und das Massaker auf dem „Platz des Himmlischen Friedens“ nur knapp überlebt. Ein weiteres Stipendium in Kanada ermöglicht ihr China zu verlassen und ihr Leben im Ausland fortzusetzen.
Lai Wen lässt Lai alles durchleben, was nur möglich ist: ein schwieriges Elternhaus; das Schöpfen von Kraft aus der Literatur; die erste Liebe; eine intensive Frauenfreundschaft; das Bewusstsein für nötige Veränderungen und die Macht der politischen Führung. Dieses Leben wird in mehr als 500 Seiten gepackt und ist, trotz Brisanz, nicht immer ohne Mühen zu lesen.
Ein distanzierter Stil und starke Nebenfiguren
Lai erzählt ihr Leben in einem gleichbleibenden ausagierten Stil, der nur wenig Platz für tiefe Emotionen lässt. Selbst beim Tod ihrer Großmutter erlaubt sich Lai nur einzelne Blicke in ihre Seele freizugeben. Sie ist immer distanziert und stets darauf bedacht, die eigene Person zu schützen und nicht durch das Aufzeigen von allzu tiefgehenden Schwächen angreifbar zu machen. Das lässt der Leserschaft keine Einblicke in das wirkliche Seelenleben der Protagonistin zu, spricht aber für sich, wenn es um ein Leben unter einer alles überwachenden Partei geht. Das macht die Lektüre nicht sehr eingängig und die Person „Lai“ wirkt wenig als Sympathieträgerin, die es schafft die Leser an die Geschichte zu binden. Die Nebenfiguren lassen da schon etwas tiefer blicken. Da ist zuerst die Großmutter „Po Po“, die sich Traditionen widersetzt und kein Blatt vor den Mund nimmt. Das ist aber vor allem die unkonventionelle Anna, alias „Madame Macaw“ von „Madame Macaws murrende Marodeure“, einer studentischen Schauspielgruppe. Sie zeigt Lai, dass es noch mehr als Anpassung gibt und ein Leben ohne wirkliches eigenes Profil kaum Freude und vor allem wenig Befriedigung bringen kann. Und Anna spielt am Ende der Geschichte eine ganz besondere Rolle, bei der man sich unwillkürlich fragt, ob dieses Detail Fiktion oder Realität ist.
Einblicke und Erinnern
„Himmlischer Frieden“ ist mehr als nur ein Coming of Age Roman. Lei erzählt nicht nur ein postmaoistisches Leben in China, sondern lässt auch Einblicke in die Zeit des „großen Steuermanns“ und ebenso in die Nachwirkungen dieser Zeit zu. Gerade für geschichtsinteressierte Leser gibt es sehr interessante Passagen. Und der Roman ist eine Mahnung gegen das Vergessen. Weil gerade das die chinesische Führung unter allen Umständen unterbinden will, sind Romane wie „Himmlischer Frieden“ umso wichtiger um es hoch zu halten.
Fazit
Lai Wen ist eine beachtenswerter Coming of Age-Roman mit historischem Hintergrund gelungen. „Himmlischer Frieden“ erzählt und mahnt zugleich. Auch wenn die Lektüre der Leserschaft einiges an Durchhaltevermögen abverlangt, ist sie packend und hallt noch lange nach.



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