Happiness Falls

Happiness Falls
Happiness Falls
Wertung wird geladen
Carola Krauße-Reim
701001

Belletristik-Couch Rezension vonSep 2025

Plädoyer für mehr Offenheit.

Die 56-jährige Angie Kim hat koreanische Wurzeln. In Seoul geboren, kam sie als Teenager nach Baltimore, wo nicht nur vollkommen andere Lebensumstände auf sie zukamen, sondern auch eine völlig unbekannte Sprache. Die Unmöglichkeit der Kommunikation isolierte Kim. „Wenn man nicht sprechen kann, geht die Umwelt automatisch davon aus, dass man sie nicht versteht, und die Leute reden dann vor einem über einem“. Dieses demütigende Dilemma hat Kim in ihrem zweiten Roman zum Thema gemacht.

Adam verschwindet

Adam Parson ist 50 Jahre alt und Vollzeitvater. Seinekoreanisch-stämmige Frau arbeitet als Linguistin, seine beiden 20-jährigen Zwillinge John und Mia studieren. Sein 14-jähriger Sohn Eugene hat eine Dualdiagnose – Autismus und das Angelmann-Syndrom. Eugene zeigt die typischen Symptome eines Autisten und kann zudem nicht sprechen. Am 23.6.2020 kommt Eugene alleine aus dem Park gerannt, den er täglich mit seinem Vater besucht. Sein Vater bleibt verschwunden. Was passiert ist, kann nur Eugene wissen, doch er kann es nicht kommunizieren. Für Mia und ihre Familie tut sich im Laufe der polizeilichen Suche und Untersuchung der Boden auf. Nicht nur wird Eugene verdächtigt, seinem Vater etwas angetan zu haben, sie finden auch Dinge über Adam heraus, die sie nie für möglich gehalten hätten.

Kein Krimi

Was wie ein Krimi beginnt, entwickelt sich zu einer komplizierten Familiengeschichte. Im Mittelpunkt steht Eugene mit seinen Einschränkungen und die Art, wie die Umwelt, ja sogar seine Familie, damit umgeht. Doch auch Mia, John und Mutter Hannah sind alles andere als gewöhnlich. Und Vater Adam hat auch so seine Eigenarten und vor allem Geheimnisse. Mia selbst erzählt die Vorkommnisse während der Zeit nach dem Verschwinden ihres Vaters. Der relativ nüchterne Bericht, bringt immer wieder Wendungen und neue Erkenntnisse, die nicht nur den Leser erstaunen, sondern auch die Protagonisten. Doch spannend, wie ein Krimi, ist die Geschichte dennoch nicht. Zu sehr konzentriert sich Kim auf die Sprachlosigkeit von Eugene. Dieses Problem steht im Mittelpunkt, alles andere ist darum herum aufgebaut. Heraus kommt zwar ein eindringlicher Appell an mehr Menschlichkeit und Aufmerksamkeit im Umgang mit beeinträchtigten Personen, doch muss man schon ein gesteigertes Interesse an diesem Thema haben, um den Roman genießen zu können. Denn auch der Stil ist kompliziert.

Ein herausfordernder Stil

Mia erzählt die Geschichte aus ihrer Sicht. Das ergibt nicht nur einen eingeschränkten Wahrnehmungshorizont, sondern macht das Ganze zu einer Herausforderung. Denn auch Mia zeigt eindeutige Zeichen von Autismus. Ganz penibel muss sie alles wiedergeben, von genauen Daten über Uhrzeiten bis hin zu eigenen Gedanken. Doch die streifen oft weit vom eigentlichen Kernthema ab. Die Leserschaft muss mit regelrecht wissenschaftlichen Abhandlungen klarkommen, die zudem mit sehr ausführlichen Fußnoten versehen sind. Die schwierige Zeit der Ermittlungen und Verdächtigungen wird dadurch nüchtern und ohne viel Emotionalität wiedergegeben. Dennoch kann man sich der Magie der Geschichte nicht entziehen. Vielleicht kann man diese nicht ohne längere Unterbrechungen lesen, aber man greift immer wieder zum Buch, denn was Eugene durchmacht, geht uns alle an.

Ein sehr persönliches Buch

Kim ist der Umgang mit spracheingeschränkten Menschen ein wirkliches Anliegen. Durch ihre eigenen Erfahrungen und durch einen Denkanstoß während einer Konferenz, will sie die Umwelt auf ihre Fehler und nicht zutreffenden Annahmen aufmerksam machen. Nicht alle Menschen, die nicht sprechen, sind der Kommunikation unfähig. Es gibt Möglichkeiten außerhalb der rein verbalen, die Verständigung möglich machen. Diese projiziert Kim auf Eugene. Das kann dem Leser nicht immer logisch, manchmal sogar etwas übertrieben erscheinen, doch in der Essenz sagt es einfach aus, dass Menschen mit Einschränkungen nicht einfach als dumm abgewertet werden sollten. Wenn diese Botschaft dann noch in eine gute Geschichte eingebunden ist, lohnt sich die Lektüre dieser auf jeden Fall.

Fazit

Kein Krimi aber eine Familiengeschichte, die es inhaltlich und stilistisch in sich hat. Ein Plädoyer für mehr Menschlichkeit im Umgang mit eingeschränkten Menschen, das es zu lesen lohnt, auch wenn man ein wenig Durchhaltevermögen benötigt.

Happiness Falls

Angie Kim, hanserblau

Happiness Falls

Ähnliche Bücher:

Deine Meinung zu »Happiness Falls«

Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer und respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Bitte Spoiler zum Inhalt vermeiden oder zumindest als solche deutlich in Deinem Kommentar kennzeichnen. Vielen Dank!

Letzte Kommentare:
Loading
Loading
Letzte Kommentare:
Loading
Loading

Film & Kino:
The Crown - Staffel 3

Die Queen in ihrer vordergründig repräsentativen Rolle ist eine zeitgeschichtliche Ikone, sodass der Erfolg der seit 2016 bei Netflix laufenden Serie „The Crown“ nicht verwundert. Die dritte Staffel markiert allerdings einen Umbruch: Die Royal Family ist in den 60er-Jahren angekommen und viele Rollen werden neu besetzt, da auch die Blaublüter nicht vor dem Altern gefeit sind. Titel-Motiv: © Des Willie / Netflix

zur Film-Kritik