Einer der spannendsten und unterhaltsamsten Romane die ich seit Langem gelesen habe.
Florence, Ex-Partygirl und ausrangierte Girl-Group Sängerin, lebt mit ihrem Sohn Dylan allein im Londoner Stadtteil Shepherd´s Bush. Nobel ist auch die Privatschule ihres Sohnes, wo die unangepasste Florence unausweichlich auf die perfekten Mütter der Londoner High-Society trifft. Das schulbekannte «Turtlegate» macht auch ihren Sohn zum Außenseiter, der mit Alfie, dem Erbe eines Tiefkühlimperiums, eine heftige Auseinandersetzung hatte. Dylan hat dem verwöhnten Alfie allzu deutlich gemacht, dass man eine wehrlose Schildkröte gefälligst nicht quält. Doch dann verschwindet Alfie eines Tages auf einem Schulausflug. Ganz London sucht nach dem Millionenerbe – und die einzige Spur, wie Florence feststellen muss, führt ausgerechnet zu Dylan.
Alles ist cool, aber nichts ist in Ordnung
Während Dylan versucht, die Welt besser zu machen, versucht «Flo» einfach nur durch ihren unstrukturierten Tag zu kommen. Meist verschläft sie, tankt erstmal Energie mit einem Red-Bull und liefert ihren Sohn muffelig am Schultor ab, wo sie es leider selten vermeiden kann, auf die perfekten Mütter der anderen Kinder zu treffen. Die anderen lassen Florence gerne spüren, dass sie nicht dazugehört – da wird mit Demütigungen, natürlich auf die freundlichste Art an die «Frau» gebracht, nicht hinter dem Berg gehalten. Flos Tage mäandern vor sich hin, die meiste Zeit verbringt sie vor dem Fernseher oder bei ihrer einzigen Freundin, einer Nageldesignerin mit schroffen Umgangsformen.
Dabei ist Flos Geschichte durchaus tragisch: Ihr Ex – und Vater von Dylan- hat sie für das andere Girl-Band-Mitglied verlassen, auf das er eigentlich immer mehr stand. Als ihr Ex-Mann und -Manager der Girl-Band zum Revival verhilft, bleibt Flo als einzige außen vor. Mit Ballonbögen, die sie für Kindergeburtstage bastelt, versucht sie sich über Wasser zu halten. Und wenn Flo nicht gerade mit irgendwelchen Typen um die Häuser zieht, dann welken ihr Ego und ihre Träume vor sich hin.
Das Potential einer verzweifelten Mutter
Eigentlich hat Flo also nicht viel in ihrem Leben vorzuweisen. Sie weiß, sie ist nicht einmal eine gute Mutter. Doch sie liebt ihren Sohn über alles. Wie sehr, zeigt sich, als das Leben Flo vor einer noch nie dagewesenen Herausforderung stellt: Sie muss die Polizei davon abhalten, gegen ihren Sohn zu ermitteln. Dabei schwankt Flo zwischen der Gewissheit, dass ihr Sohn ein Engel ist, der niemandem etwas zuleide tun kann und dem nagenden Verdacht, er könne etwas mit Alfies Verschwinden zu tun haben. Denn wie kann es sein, dass Dylan den Rucksack von dem vermissten Alfie und seinem Bett versteckt hat?
Sie macht sich mit einer anderen Mutter daran, den Fall zu lösen. Jenny, eine ehrgeizige und erfolgreiche Anwältin mit Zwillingen, muss das Leben ebenfalls allein stemmen. Die beiden gegensätzlichen Frauen freunden sich überraschenderweise an und schnell geraten sie an einen Punkt, an dem Jenny nicht mehr bereit ist, mehr zu riskieren.
Wild entschlossen und im Strudel der sich überschlagenen Ereignisse stellt Flo alles auf den Kopf. Sie tut Dinge, die unverzeihlich sind; entdeckt merkwürdige Verbindungen, die aber kein Zufall sein können – und zum ersten Mal denkt sie darüber nach, das Richtige zu tun.
Hundert Prozent Unterhaltung, garniert mit Hochspannung
Überaus fesselnd beschreibt Sarah Harmann die Ereignisse, die wir ausschließlich aus Flos Perspektive miterleben. Selbst Randereignisse, Rückblicke, Flos unstrukturierte Tage, ihr Talent, in jedes Fettnäpfchen zu treten, das sich ihr bietet und es mit ihrer schnoddrigen Art abzuschütteln, werden dynamisch und mit viel Liebe zum Detail erzählt. Ein Wunder, dass Sarah Harmann, trotz der vielen Nebenschauplätze, nie den Roten Faden verliert; doch all diese Details sind wichtig, wie sich herausstellt. Sie führen geradewegs zu dem spektakulären Finale, das einem Thriller in nichts nachsteht.
Der humorvolle Unterton, den Sarah Harmann anschlägt, führt zwar locker-flockig durch Flos chaotisches Leben, lässt jedoch auch aufrichtige und gefühlvolle Einblicke zu. Das, was man zwischen den Zeilen liest, ist das Besondere, welches bei mir schnell das Interesse an Flo geweckt hat. Dies und Flos Charakterzug, niemals in das Selbstmitleid einer verlassenen und betrogenen Frau zu verfallen.
Die sehr lebendige, bildstarke und pointierte Sprache und seine überaus unterhaltsamen Charaktere bilden das Herz dieser wilden Fahrt durch London. Flos Reise ist grotesk und stets passiert etwas vollkommen Unerwartetes. Die Einblicke in die High-Society mit ihren brüchigen Fassaden und ihrer schamlosen Scheinheiligkeit wirken überzogen aber dennoch sehr treffsicher. Für ihre Beobachter jedoch lässt sich Flo gar nicht davon beeindrucken – aber nur scheinbar, wie sie nur uns Leser/innen wissen lässt. Trotz ihrer Impulsivität, die sie Dinge sagen oder tun lässt, die alles andere als hilfreich sind und sie oftmals verantwortungslos erscheinen lässt, ist Flo eine sympathische Heldin – denn das ist sie ohne Frage – bei der man trotz häufigem Kopfschütteln doch stets die Daumen drückt, dass das Glück ihr doch einmal hold sein möge. Diese Heldin kennt keine Struktur, verschwendet ihre gedrosselte Energie lieber für ihr Aussehen als für die Überlegung, wie sie ihr Leben in den Griff bekommen kann. Doch am Ende ist sie die aufrichtigste unter allen – auch wenn sie zu lange zu viel für sich behält. Irgendwie selbst noch Kind, versucht sie sich durch die Herausforderungen zu wurschteln. Diese Entwicklung kann man wunderbar beobachten und ich konnte nicht umhin, als sie trotz oder gerade deswegen zu mögen.
Damit ist Flo für mich eine starke Protagonistin, von der ich sehr gerne mehr lesen würde. Vielleicht gibt es ja einen weiteren Band von der Autorin, mit einem neuen Fall für Florence und Jenny? Jedenfalls hat dieses Buch sehr großes Potential in Serie zu gehen – wie auch immer die aussehen mag.
Wenn sich dann, am Ende, noch ein echter Thriller abspielt, macht das die Sache mehr als rund.
Fazit
Das Debüt von Sarah Harmann ist schon ab der ersten Seite so verführerisch, dass man sofort Appetit auf mehr bekommt. Dieser Roman hat das gewisse Etwas, so dass man schon am Anfang hofft, er möge nicht allzu bald zu Ende sein. Gerne mehr davon!



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