Unsere letzten wilden Tage

Unsere letzten wilden Tage
Unsere letzten wilden Tage
Wertung wird geladen
Monika Wenger
891001

Belletristik-Couch Rezension vonNov 2025

Bedächtig und intensiv.

Vor zehn Jahren hat Loyal May ihren Heimatort Jacknife in den Sümpfen Louisianas hinter sich gelassen. Nun kehrt sie zurück, um in der Nähe ihrer an Demenz erkrankten Mutter zu sein. Doch die Rückkehr ist alles andere als leicht, denn Jacknife ist ein Ort voller schmerzhafter Erinnerungen. Als die Leiche ihrer ehemals besten Freundin Cutter im Sumpf gefunden wird, zerbricht die erhoffte Versöhnung endgültig. Loyal glaubt weder an einen Unfall noch an Suizid und setzt alles daran, die wahren Gründe für Cutters Tod herauszufinden.

Rückkehr

Loyal May hat ihre Rückkehr nach Jacknife gründlich überlegt. Die beginnende Demenz ihrer Mutter macht es notwendig, dass jemand in ihrer Nähe ist. Ob sie will oder nicht, Loyal kündigt ihren Job in Houston und nimmt eine Stelle bei der lokalen Zeitung an. Kaum ist sie zurück, wird ihre ehemalige Freundin Cutter tot in den Sümpfen aufgefunden. Wieder wird Loyal mit der Schuld konfrontiert, die sie seit Jahren verfolgt. Sie will deshalb unbedingt Cutters Tod aufklären. Ihr neuer Job bei der lokalen Zeitung könnte ihr dabei helfen.

Immer tiefer taucht sie ein in das Geflecht der Landschaft und in die Geheimnisse der Sümpfe. Loyal profitiert von ihrem zehnjährigen Abstand, der ihr einen neuen Blick auf die Menschen ermöglicht. Schritt für Schritt entdeckt sie Ungereimtheiten, Korruption und kriminelle Machenschaften.

Eine unglaubliche Atmosphäre

Anna Bailey gelingt es meisterhaft, die Stimmung des Tiefen Südens von Louisiana einzufangen. Die brütende Hitze, die Schwere und die Trostlosigkeit sind förmlich greifbar. Auch die Langweile, die Enge und die krankmachende Arbeit in einer nahegelegenen Kunststofffabrik werden lebendig beschrieben. Diese Trägheit, die aus jeder Zeile schwappt, scheint sich in die Köpfe der Menschen zu schleichen. Abgestumpft von der täglichen Mühsal und weit weg von den grossen Städten scheint die Zeit stillzustehen. Noch schlimmer ist, dass alles einem Verrottungsprozess gleicht. Doch die Menschen ignorieren den schleichenden Untergang der Sitten und der Umwelt. Jeder weiss Bescheid, aber niemand spricht darüber. Das hat Folgen.

«Im Kern geht es bei Folklore immer darum, Leute zu warnen. Meide diesen Ort, vertrau jenen Leuten nicht, sei lieb zu deinen Eltern, sonst kommt dich der schwarze Mann holen. In vielerlei Hinsicht geht es dabei auch umKontrolle.»

Baileys Hauptfigur ist keine Heldin, sondern eine Frau voller Zweifel und Schwächen. Sie will unter allen Umständen die Fehler der Vergangenheit wiedergutmachen. Dies führt zu einem Balanceakt zwischen ihrer journalistischen Tätigkeit und ihren privaten Interessen. Anna Bailey beschreibt diesen Konflikt auf grandiose Weise. Aber auch jede der Nebenfiguren hat ihre Besonderheiten. Beispielsweise Loyals Arbeitskollege Sasha und sein spezieller Humor, sowie seine sexuelle Orientierung in einer Umgebung, in der religiöse Abhängigkeiten, Alkoholsucht und Drogen eine wichtige Rolle spielen. Die Erzählung ist vollgepackt mit schweren Themen, die jedoch mit einer gewissen Distanziertheit zur Sprache kommen. Bailey erzeugt Spannung durch eine betont langsame Erzählweise und viele kleine Details, die erst nach und nach zum Vorschein kommen und zur Auflösung führen.

Fazit

Es ist die Atmosphäre, die sofort ihre Sogwirkung entfaltet. Anna Bailey katapultiert die Lesenden augenblicklich in diese Südstaatenlandschaft und zu ihren Bewohnern. Die Geschichte entwickelt sich sehr langsam und bedächtig. Doch mit jedem kleinen Detail entsteht am Ende eine meisterhafte Erzählung.

Unsere letzten wilden Tage

Anna Bailey, Rütten & Loening

Unsere letzten wilden Tage

Ähnliche Bücher:

Deine Meinung zu »Unsere letzten wilden Tage«

Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer und respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Bitte Spoiler zum Inhalt vermeiden oder zumindest als solche deutlich in Deinem Kommentar kennzeichnen. Vielen Dank!

Letzte Kommentare:
Loading
Loading
Letzte Kommentare:
Loading
Loading

Film & Kino:
The Crown - Staffel 3

Die Queen in ihrer vordergründig repräsentativen Rolle ist eine zeitgeschichtliche Ikone, sodass der Erfolg der seit 2016 bei Netflix laufenden Serie „The Crown“ nicht verwundert. Die dritte Staffel markiert allerdings einen Umbruch: Die Royal Family ist in den 60er-Jahren angekommen und viele Rollen werden neu besetzt, da auch die Blaublüter nicht vor dem Altern gefeit sind. Titel-Motiv: © Des Willie / Netflix

zur Film-Kritik