Familie und das Gefühl, getragen zu werden.
Reitos Geschichte beginnt mit einem Diebstahl und dem Verlust seiner Arbeitsstelle. Dieser Rauswurf und ein geheimnisvoller Auftrag erweisen sich schliesslich als Wendepunkte. Sie verändern sein Leben und seine Sichtweise grundlegend.
Der Frust und die Rache
Reito Naoi ist frustriert. Seine Ehrlichkeit hat sich nicht ausgezahlt. Er hat einem Kunden nämlich erzählt, dass die zum Verkauf stehende Erodiermaschine einen Defekt aufweist. Natürlich hat der Kunde dies dem Chef erzählt, woraufhin Reito sofort gekündigt wurde. Neben seinem Job verliert er nun auch seine Unterkunft. Ohne Ersparnisse und ohne Einkommen beginnt für ihn eine harte Zeit. Als ein ehemaliger Kollege ihm berichtet, dass sein ehemaliger Chef der Witwe eines Geschäftsführers einen lasergesteuerten Wegsensor abgeluchst hat, stiehlt Reito diesen kurzerhand aus dem Lager. Er hofft, das Gerät verkaufen zu können und so doch noch zu seinem «Entlassungsgeld» zu kommen. Am nächsten Morgen wird er verhaftet.
Die Unbekannte und ihr Angebot
Für Reito ist klar, dass er nun eine Gefängnisstrafe absitzen muss. Da taucht auf dem Polizeirevier ein Mann auf, der angibt, der Anwalt von Reitos Grossmutter zu sein. Er sagt, er müsse mit ihm sprechen. In Wirklichkeit handelt der Anwalt im Auftrag einer Klientin, die vorerst anonym bleiben will. In einem Schreiben informiert die Unbekannte Reito darüber, dass er sich dem Anwalt anvertrauen und sich nach seiner Freilassung unverzüglich zu ihr begeben soll. Sie werde seine Schulden bezahlen, wenn er sich mit einer Gegenleistung einverstanden erkläre.
Nach anfänglichem Zögern nimmt Reito das Angebot an. Es stellt sich heraus, dass die Auftraggeberin seine Tante Chifune ist. Die Halbschwester seiner Mutter. Sie unterzieht den jungen Mann einer ausführlichen Befragung und möchte mehr über seine Zukunftspläne erfahren. Seine Antwort zeigt seine Unsicherheit und seine Gleichgültigkeit: «Pläne, nun ja… […] Habe ich nicht wirklich. Ich bin froh, wenn ich irgendwie durchkomme, egal wie.»
Chifune löst daraufhin das Rätsel um die geforderte Gegenleistung: Reito soll die Wache des Kampferbaums übernehmen. Der Kampferbaum ist laut einer Legende ein mystischer Baum. Die Menschen vertrauen ihm ihre Gedanken und Wünsche an, die er an die entsprechenden Personen weiterleitet. Chifune zufolge ist nur Reito in der Lage, sich um den Baum zu kümmern. Dieser sieht jedoch keinen Sinn dahinter. Doch durch seine Aufgaben und die Gespräche mit den Besuchern findet er Antworten auf seine vielen Fragen.
«Und wieder hatte Reito das Gefühl, dass sich in seinem Leben etwas zu bewegen begann.»
Emotionale Tiefe und Spannung
In diese besondere Geschichte muss man sich erst einfinden. Viele lose Fäden, die sich erst viel später miteinander verbinden, erschweren den Einstieg. Für das Gesamtbild ist dies jedoch absolut notwendig, da sich die Handlung erst mit den zahlreichen wichtigen Details richtig entfaltet. Keigo Higashino nimmt sich Zeit für seine Figuren und beschreibt sie sehr genau. Das Resultat ist ein abgerundetes Gesamtbild. Durch diese Genauigkeit versteht man die unterschiedlichen Handlungsweisen, die dann später für den Verlauf der Geschichte wichtig werden. So erhält man einen tiefen Einblick in die japanische Kultur und ihre Eigenheiten. Der Autor schafft mit seiner Darstellung eine wunderbar mystische Atmosphäre. Besonders in den Passagen, in denen der Kampferbaum als Symbol für Veränderung und Hoffnung auftaucht, gelingt es ihm, durch detailgenaue Beschreibungen die besondere Stimmung einzufangen. Gleichzeitig vermittelt er die Bedeutung gesellschaftlicher Werte und die Verbundenheit der Japaner mit der Natur.
Trotz der vielen ausführlichen Beschreibungen kommt die Spannung nicht zu kurz. Gerade weil der Protagonist mit den Herausforderungen wächst und sich durch den Einfluss seiner Tante weiterentwickelt, bleibt die Erzählung interessant.
Der Roman lebt von seinem präzisen und feinfühligen Schreibstil. Reitos Familiengeschichte ist zugleich bedrückend und berührend. Keigo Higashino erzählt sie mit wohltuender Ruhe. In stetem Wechsel plätschert die Erzählung dahin, bis sich durch unerwartete Wendungen wieder Spannung aufbaut.
Fazit
Keigo Higashino erzählt die Geschichte von Reito und dem Kampferbaum unaufgeregt und geradezu bedächtig. Jede Seite verdient Aufmerksamkeit, um keine Einzelheiten und Hinweise zu übersehen. Besonders eindrücklich ist Reitos Entwicklung, seine Wandlung vom desinteressierten jungen Mann zu einem verantwortungsvollen Erwachsenen. All diese Eindrücke würden beim Schnelllesen verloren gehen.



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