Der Schlächter

Der Schlächter
Der Schlächter
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Michael Drewniok
901001

Belletristik-Couch Rezension vonFeb 2026

Frankensteins furchtbar unfähiger Bruder.

Silas Aloysius Weir wird Anfang des 19. Jahrhunderts in eine Familie erfolgreicher Männer geboren. Doch er tut sich schwer. Nur knapp gelingt ihm ein Examen als Arzt an einer zweitklassigen Fachschule, und ungeachtet seines Ehrgeizes, vor dem unzufriedenen Vater zu bestehen, scheitert Silas zunächst sowohl beruflich als auch gesellschaftlich.

Dass er ein miserabler Arzt ist, macht ihm weniger zu schaffen als sein Charakter, der von Unsicherheit und Selbstsucht geprägt wird. Eher unwillig lässt sich Silas auf einen Zweig der Medizin ein, der wenig Ansehen in seiner Welt genießt: Die Behandlung weiblicher Patienten wird bestimmt von Unwissen, Vorurteilen und falscher Scham. Der zeitgenössische Chauvinismus begünstigt das Bild der Frau als Mensch zweiter Klasse, behaftet von der „Erbsünde“, emotional unausgeglichen, ängstlich und auf männliche Führung angewiesen.

Sexuelle Aufklärung wird im Keim erstickt. Nur im Dienst der Vermehrung darf bzw. muss die Frau sich dem ansonsten verpönten Geschlechtsverkehr hingeben. Drängt sie auf mehr, gilt sie als „lüstern“ oder gar geisteskrank und kann von ihren besorgten Angehörigen in eines der gefürchteten „Irrenhäuser“ eingeliefert werden.

Wer in Trenton, US-Staat New Jersey, dieses Schicksal erleidet, landet ebendort, wo Silas Weir die Leitung übernommen hat. Nun ist er buchstäblich Herr über Leben und Tod. Das Verhängnis nimmt seinen Lauf: Silas will sich einen Namen als fortschrittlicher Chirurg machen. Damit ihm dies gelingt, muss er forschen - oder eher experimentieren: Die ‚wahnsinnigen‘ Frauen, die ohnehin als nutzlos und als Kostenfaktor gelten, sind ihm ausgeliefert. Wieso dies nicht nutzen und am lebendigen Objekt ausprobieren, was gelingen könnte, aber nicht muss, da sich die ‚Fehlschläge‘ unbemerkt verscharren lassen ...?

Die Gewalt findet stets eine Heimat

Für den wahren Horror sorgen auf dieser Welt nicht Gespenster, Zombies oder ähnliche Gestalten eines nur folkloristischen und multimedialen Schreckens. Da mehrheitlich bekannt ist, dass sie ausgedacht sind, müssen wir sie nicht fürchten. Wesentlich gefährlicher und nur allzu real sind demgegenüber Unfälle, Krankheiten - und Mitmenschen, die bereit sind, die Grenzen von Gesetz und Moral zu missachten.

Keineswegs immer gehen entsprechende Übergriffe auf psychisch derangierte Zeitgenossen zurück. Während man diese meist nach vergleichsweise kurzer Zeit aus dem Verkehr zieht, gilt dies nicht unbedingt für jene, die ihr Unwesen im Rahmen des Gestatteten oder großzügig Übersehenen treiben. Wir Menschen der Gegenwart möchten gern glauben, dass sich die daraus resultierenden Ungeheuerlichkeiten auf die Vergangenheit beschränken. Dabei wissen wir es besser, die uns die Nachrichten mit alltäglichen Beispielen ‚sanktionierter‘ Grausamkeit förmlich überschütten.

Meist sorgt ein gewalttätiges, diktatorisches Regime für entsprechende Freiräume. Folter und Todesurteile sind weiterhin quasi an der Tagesordnung. Doch es gibt weitere Nischen, in denen die Verachtung von Menschenrechten gedeiht: Wem es gelingt, Übergriffe als gute Tat im Dienst des Fortschritts zu tarnen, schafft sich einen Freiraum. Bleibt die Gewalt zudem hinter prächtigen Fassaden verborgen, kann sie sich lange halten. Kommt es dann doch zur Offenbarung, sind Schauder und Überraschung stets enorm: Selbst im nahen Umfeld hat ‚man‘ vom üblen Treiben nebenan weder etwas geahnt, gehört oder gesehen.

Die Frau in der Hölle auf Erden

Joyce Carol Oates hat sich diese hässliche Binsenweisheit als Thema eines Romans gewählt. Die Lektüre wird zum wahren Horrortrip - dies nicht einmal wegen des beschriebenen und manchmal splatternahen Grauens, sondern aufgrund der Selbstverständlichkeit, mit dem sich das Geschehen präsentiert. „Der Schlächter“ ist ein fiktives Werk, das jedoch in der historischen Realität des 19. Jahrhunderts wurzelt und sich auf bestimmte politische, gesellschaftliche und kulturelle Selbstverständlichkeiten konzentriert, die heutzutage kaum geglaubt werden können - und wollen.

Oates hat Beispiele für menschenverachtende Gleichgültigkeit gesammelt und auf die Spitze getrieben. Dabei konzentriert sie sich auf die zeitgenössische Frau, obwohl die beschriebenen Verhältnisse weitere Teile der Bevölkerung einschlossen. Dass schwarze US-Amerikaner als Sklaven oder „Dienstverpflichtete“ gleichermaßen ausgebeutet wie ausgegrenzt wurden, ist Oates durchaus bewusst. Auch Einwanderer oder arme und kranke Menschen überhaupt sehen sich unabhängig ihres Geschlechts einer Welt ausgeliefert, die jenseits der offiziellen Schönfärbung als „neue Heimat“ und „Schmelztiegel“, in der bzw. dem jede/r es „schaffen“ kann, genau solchen Bestrebungen brutal Grenzen setzt.

Der klaffenden Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit gibt Oates Gesichter. Auch hier schreckt sie vor demonstrativer Übertreibung und Konzentration auf bestimmte Denkmuster und Verhaltenstrigger nicht zurück. In der Figur des Silas Weir gelingt ihr dies überzeugend, d. h. schrecklich: Statt ihn wie so viele „feministisch“ beseelte Autorinnen als comicartigen Bösewicht zu (ver-) zeichnen, gelingt Oates ein plausibler Charakter, der fest und feist in seiner Epoche verwurzelt ist.

Der Mann als Herr seiner Welt

Weir hat kein schlechtes Gewissen, da er in der Sicht seiner Zeitgenossen nicht kriminell ist, sondern höchstens verwerflich handelt, was jedoch für diejenigen, die wie er an den Hebeln der Macht sitzen, toleriert wird, solange davon nichts an die Öffentlichkeit gerät. Sollte dies geschehen, würde umgehend die Moral - oder besser: die Bigotterie - übernehmen und Weir in ein Verderben stürzen, wie er es definiert: als Vertreibung durch die offizielle gesellschaftliche Elite. Ihr anzugehören, ist ihm sogar wichtiger als seine ‚medizinischen Experimente‘.

Oates trifft den Leser-Nerv mit diesem Weir, der Maus und Katze gleichzeitig ist: Man hasst ihn für seine Taten, aber man erkennt in ihm auch das Opfer. Nie wäre Weir zum „Schlächter“ geworden, hätte man ihn ‚daheim‘ nicht unter permanenten Druck gesetzt; die Als-ob-Anführungsstriche werden hier verwendet, um zu verdeutlichen, dass es für Weir kein Heim gab; ein typisches Schicksal, denn für menschliche Nähe oder gar Liebe ist in der Oberschicht dieser Epoche kein Raum. Gefühle werden unterdrückt; sie gelten als Ausdruck der Schwäche, was in einer Gesellschaft, die auf dem ‚Recht‘ des Stärkeren fußt, kaum verwundert.

So kann Weir nur etwas empfinden, wenn er der ‚Herr‘ ist, und er gerät in Ekstase, wenn er seinen hilflosen Opfern Gewalt antun kann. Dies sind stets Frauen, denen er emotional absolut empfindungslos gegenübersteht. In dieser Gesellschaft ist es normal, dass Mann und Frau selbst als Ehepaar getrennte Leben führen. Intim werden sie nur, wenn es gilt, das biblische Gebot „Mehret euch!“ zu erfüllen. Ansonsten ist jegliche Körperlichkeit verdächtig, schmutzig und krank und hat Gegenwehr hervorzurufen.

Die Überdrehung der Schraube

„Der Schlächter“ ist nicht nur der Blick in eine verzerrt in sich ruhenden Welt. Oates bietet auch die Vision einer Befreiung: Zumindest die junge Brigid - die weibliche Hauptfigur dieses Romans - wagt nach langem Leidensweg den Ausbruch. Doch kann dies kein selbstverständlicher Schritt sein: Das Ereignis beschreibt Oates mit Bildern, die sie dem klassischen Gruselroman entlehnt. Die Eskalation ereignet sich in dunkler, schauriger Nacht und steigert sich vom Unheimlichen zum blanken Horror, wenn die gepeinigten, entstellten Frauen blutrünstig über Weir herfallen.

Der Erzählton bleibt trügerisch getragen, weil scheinbar sachlich und nüchtern, weil Weirs (bewusst selektiven) Erinnerungen folgend. Gleichzeitig klingt ein Unterton an, der schon früh ahnen lässt, was Oates erst allmählich aufdeckt: Die selbstverständliche Verdorbenheit des ‚Dr.‘ Weir bleibt keineswegs auf ihn beschränkt. Sie prägt alle Männer seiner Schicht, die jeder auf seine Weise ähnliche Verbrechen an ihnen ausgelieferten Frauen begehen.

Oates verkneift sich, wie schon angesprochen, den Tonfall ‚gerechter‘ Entrüstung, solche plakativen Holzhammerschläge hat sie nicht nötig. Es ist nur plausibel, dass ihre Geschichte nicht zu einer märchenhaften Happy-End-Idylle - die Frau triumphiert und lebt glücklich bis ans Ende ihrer Tage, während der Mann = das Monster elend leidet und stirbt - verseift. Ein langer Epilog führt die Handlung fort und beschreibt das weitere Leben der Hauptfiguren nach der Rachetragödie. Zeit und Alltag haben diese aus dem kollektiven Gedächtnis gelöscht, geändert hat sich wenig. Das Treiben des Dr. Weir und sein Untergang bleiben Fußnoten einer Historie, in der sich die Verhältnisse (für die Frau) nur langsam ändern.

Fazit

Joyce Carol Oates erzählt vom blutigen ‚Aufstieg‘ der modernen Medizin, in die sich die zeitgenössische Diskriminierung der Frau einfügt. Jenseits der objektiven Geschichtsschreibung setzt die Autorin gekonnt auf Zuspitzung und grelle Effekte: ein eindrucksvolles Werk, dessen Botschaft deutlich wird, ohne dass die Autorin auf pseudo-feministische Posaunentöne zurückgreifen muss.

Der Schlächter

Joyce Carol Oates, Blessing

Der Schlächter

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