Der Kapitän, der aus der Wanne steigt

Der Kapitän, der aus der Wanne steigt
Der Kapitän, der aus der Wanne steigt
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Birgit von Domarus
741001

Belletristik-Couch Rezension vonJun 2024

Erwachen.

Ein Mensch, in Hamburg wohnhaft, versucht aus seinen Albträumen heraus zu Klarheit und Sicherheit zurückzukommen. Aber da ist immer wieder der Nebel, der sein Gehirn außer Betrieb setzt und ihn in eine wahnsinnige Müdigkeit fallen lässt. Seite für Seite leide ich mit ihm und es ist fast so, als wollte ich als Leserin ebenfalls dieser Müdigkeit anheimfallen. Dieser rätselhafte Zustand wird erst viel später erklärt, stattdessen geht der Autor fast übergangslos mit uns nach Norwegen, wo ein anderer Held gerade versucht, sich abzulenken, zu vergessen oder ebenfalls den Nebel im Kopf loszuwerden. Eine große Ablenkung scheint Edward Munch zu werden, das Museum steht neben dem Polarlicht auf seiner Reiseliste.

Aufbruch

Fortan werden beide Protagonisten parallel zueinander durch die Zeit geführt, wobei sich der Zustand des Hamburgers in dem Moment bessert, als er ein Bahnwärterhäuschen in einem schleswig-holsteinischen Dorf im Internet findet, das er als Rückzugsort als ideal empfindet. Wie ausgewechselt macht er sich auf den Weg und während er anfängt das Haus umzubauen, steigt der andere auf einen Berg und erleidet dabei einen Unfall.

Spätestens mit der Beschreibung des Dorfes und des Umfeldes, in das der Hamburger gezogen ist, wird klar, dass es sich hier um eine surreale Welt handelt. Es gibt wohl kaum ein Dorf mit einer Kneipe, in der man schon am ersten Tag Freunde fürs Leben findet, einer Bäckerei und einem Laden. Vielleicht gab es das noch vor 60 oder 70 Jahren, aber nicht mehr in den heutigen Schlafdörfern fast ohne Leben.

Der Norweger erlebt ebenfalls merkwürdige Geschichten, trifft auf eine Frau, die Anna heißt, genau wie der Hamburger eine Anna in der Kneipe kennenlernt. Er lernt einen Walter kennen, der ihm freundschaftlich verbunden ist, obwohl sie sich nur Stunden kannten. Das Munch Museum wird zu einem Albtraum, denn er kann sich der Wirkung dieser Bilder auf seinen Gemütszustand nicht entziehen. Dazu kommt, dass er wahrgenommene Dinge nicht von Sinnestäuschung unterscheiden kann. Erst in einer einsamen Berghütte, die er alleine für Tage bewohnt, glaubt er, Klarheit zu erkennen. Aber auch das ist eine Täuschung. Die Irritationen gehen weiter.

Im weiteren Verlauf des Romans verdichtet sich beim Leser ein Verdacht, dass diese beiden Personen eine Person auf sich vereinen, zumal es einen gemeinsamen Auslöser für diese krankhaften Seelenzustände zu geben scheint. Eine alles zerstörende Beziehung zu einer Frau wird immer wieder erwähnt, aber auch sehr nebulös beschrieben.

Die Auflösung erfährt der Leser erst am Ende des Buches, dabei erscheinen die vorher beschriebenen Ereignisse klarer zu werden.

Poetisch - aber stilistisch nicht überzeugend

Ritchy Fondermann ist in seiner Vielseitigkeit kaum zu überbieten. In der Hauptsache Musiker, wirkt er außerdem als Autor, Audio und Videoproduzent. In Hamburg lebend ist er Schleswig-Holstein durch seine Kindheit und Jugend verbunden. Diese Verbundenheit ist in dem vorliegenden Roman stark erkennbar, wenn auch das beschriebene Dorf und seine Bewohner nicht real sein können.

Sprachlich ist dieser Roman für mich nicht so überzeugend. Obwohl es poetische Momente gibt und so manches sprachliche Bild sehr anregend ist, war es stilistisch gesehen, für mich kein überragendes Buch. Aber es liest sich sehr schnell weg, nicht anstrengend und letztendlich unterhaltsam.

Fazit

Wir werden in diesem Buch in eine Welt geführt, die einem rational denkendem Menschen fremd erscheint, aber manchmal kann man sich trotzdem darin zurechtfinden, weil es einem bekannt vorkommt.

Der Kapitän, der aus der Wanne steigt

Ritchy Fondermann, Periplaneta

Der Kapitän, der aus der Wanne steigt

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