Die Suche nach der perfekten Familie.
Die schwangere Gladys heiratet mit 18 Jahren Gunnar. Gunnar geht durch das untere Tor in die Waffenfabrik - das für die Arbeiter. Doch Gladys will irgendwann einmal durch das obere Tor gehen – das für die Angestellten und Chefs. Gunnar macht es ihr nicht leicht mit seiner Herumtreiberei, doch Gladys geht weiter ihrem Traum nach. Jahre später sitzen zwei ihrer Söhne an ihrem Sterbebett. Ivar, der Ältere umsorgt sie liebevoll; „Titti“, der Jüngere, ist seit vielen Jahren das erste Mal wieder bei seiner Mutter und fragt sich, ob sie wirklich einmal glücklich durch das obere Tor gegangen ist und ihren Traum gelebt hat.
Geir Gullikson
Geir Gullikson (* 1963) ist in Norwegens Literaturlandschaft eine feste Größe. Seit 1986 veröffentlicht der Verleger, Autor und Lektor Schriftstücke jeder Art. Er erkannte die Talente von u.a. Linn Ullmann und Karl Ove Kanusgård und veröffentlichte sie. Mit „Oberes Tor, unteres Tor“ legt er wieder einmal einen Roman vor, der sich mit Beziehungen und deren Wandel im Laufe der Zeit beschäftigt.
Ein Drei-Generationen-Roman
Gullikson betrachtet Gladys Familie über drei Generationen. Sie hat drei Söhne mit Gunnar: Ivar, Runar und „Titti“. Sie lebt in einer einengenden Ehe, die sie nicht ausfüllt und ändert das. Es kommt zu glücklichen Momenten und zu tragischen. Auch die Leben ihrer Kinder werden beleuchtet und ebenso das Verhältnis von Ivar zu seinen Kindern, speziell zu Tochter Frida. Erzählt wird das alles aus Sicht von Titti, der sich am Bett seiner Mutter sitzend erinnert. Immer wieder erleben wir in Rückblicken die Entwicklung der Familie und damit auch die des Ortes, der von der Waffenfabrik geprägt ist. Erinnerungen und Gegenwart schildert der Autor sprachgewaltig und packend. Dennoch ist manches nur zwischen den Zeilen zu lesen und manches bleibt bis zum Schluss zumindest nebulös.
Handlung lässt manchmal Fragen offen
Jeder der Protagonisten hat andere Wünsche. Gladys träumt von einer Anstellung in der Fabrik, die ihr den Zugang durch das obere Tor ermöglicht. Sie ist für ihre Zeit wagemutig und wissbegierig. Und gleichzeitig steckt sie zu tief in den Konventionen fest, um wirklich frei zu sein. Sohn Ivar ist bodenständig und konventionell, was ihn erst glücklich macht und später zu Konflikten mit Frida führt. Runar hat einen ganz festen Plan für sein Leben und scheitert daran. Titti ist wenig zu fassen, da er die Geschichte aus seiner Sicht erzählt und uns nur so viel von sich wissen lässt, wie er es für nötig hält. Doch eines ist gewiss – sie wollen alle einen Schritt vorwärts in der Gesellschaft machen, glücklich sein, und suchen den Zugang durch das obere Tor. Gullikson lässt seine Protagonisten manchmal wenig nachvollziehbar handeln, manches lässt er vollkommen im Dunkeln. Das treibt die eigene Phantasie zwar an, doch macht es die Figuren auch wenig nahbar. Aber vielleicht soll gerade diese Distanz einen neutralen Blick auf die Familie ermöglichen, die nach Perfektion und Glück sucht.
Spannend und erschreckend offen zugleich
Die Entwicklung der Figuren ist ebenso spannend, wie die Entwicklung der kleinen Stadt. Doch Gullikson schafft keinen rosaroten einlullenden Einheitsbrei aus Schicksalen, die sich entfernen und wieder zueinander finden. Er schafft Ecken und Kanten, die manchmal erschrecken und manchmal auch mitleiden lassen. Zusammen mit der fordernden Sprache und dem elaborierten Stil, ist „Oberes Tor, unteres Tor“ alles andere als ein gewöhnlicher Generationen-Roman, sondern eine literarische Herausforderung, die sich aber auf jeden Fall lohnt.
Fazit
Geir Gullikson ist gewohnt sprachgewaltig und tiefsinnig. Er entführt auf eine distanzierte Weise in drei Generationen, die mit sich selbst, den gesellschaftlichen Vorgaben und dem eigenen Wunsch nach einer perfekten Familie zu kämpfen haben. „Oberes Tor, unteres Tor“ ist eine herausfordernde Familiengeschichte, die es zu lesen lohnt.



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