Ein falsches Wort

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Carola Krauße-Reim
851001

Belletristik-Couch Rezension vonMai 2024

25 Jahre Schweigen und Verdrängen.

Als das Buch 2016 im norwegischen Original erschien, sorgte es für reichlich Aufregung in der Familie der Autorin. Die als autofiktional angesehene Geschichte wurde von ihnen abgelehnt und die Veröffentlichung sollte per Gerichtsbeschluss verhindert werden. Doch das Buch erschien, verhalf Vigdis Hjorth international zum Durchbruch und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Ebenfalls 2016 erschien das Buch unter dem Titel „Bergljots Familie“ erstmals auf Deutsch, wurde aber jetzt in einer neuen Übersetzung von Gabriele Haefs überarbeitet und vom S. Fischer Verlag mit dem Titel „Ein falsches Wort“ herausgegeben.

Der verdrängte Missbrauch

Bergljot ist eine 60-jährige, sehr erfolgreiche Autorin und Dramaturgin. Sie ist geschieden, hat erwachsene Kinder und lebt in Oslo. Ihre Eltern, die zwei Schwestern und den Bruder hat sie schon Jahrzehnte nicht mehr gesehen. Jetzt vertieft ein Streit um zwei Sommerhütten die Kluft zwischen Bergljot und ihrem Bruder auf der einen Seite und den Eltern und Schwestern auf der anderen. Dann stirbt der Vater und alte Wunden werden aufgerissen, lange Verdrängtes und Unausgesprochenes kommt an die Oberfläche. Bergljot wirft dem Vater langjährigen Missbrauch vor und der Mutter das Dulden desselben. Bruder Bård unterstützt sie, denn er erlebte auch die ganze Härte des Vaters. Doch die Mutter und Schwestern sehen das ganz anders. Ein Kampf über die Hoheit der Vergangenheitswahrnehmung bricht los.

Anspruchsvoller Stil und unnahbare Charaktere

Bergljot erzählt die Dinge aus ihrer Sicht. Daher erhält auch die Leserschaft nur einen eingeschränkten Zugang zu den Vorkommnissen. Aus dieser ganz persönlichen Wiedergabe resultiert aber auch ein sehr anspruchsvoller Stil. Es gibt zahlreiche Wort- oder Phrasenwiederholungen, die den Gedankengängen der Erzählerin entspringen, aber die Lektüre etwas ausbremsen. Die Auseinandersetzung mit sich selbst und der Familie wird so einer Art Egotrip, der ohne wörtliche Rede und ohne weitere Perspektiven auskommen muss. Dazu kommen die unnahbaren Charaktere. Selbst die erzählende Bergljot hält ihre Leserschaft auf Distanz und lässt kaum wirklich Blicke in ihr Innerstes zu. Erst langsam entwickelt sich die ganze zerstörerische Geschichte und erst zum Schluss wir klar, was Bergljot und auch ihr Bruder durchmachen mussten, wie sie versuchen damit umzugehen und vielleicht abschließen wollen.

Fazit

Ein Familiendrama, das nicht einfach zu lesen und noch schwieriger zu verdauen ist. Vigdis Hjorth zeigt, egal ob autofiktional oder nicht, sehr eindrücklich, dass Kindesmissbrauch Leben und Familien zerstören kann. Ein Buch, das auch nach Lektürenende noch lange beschäftigt.

Ein falsches Wort

Vigdis Hjorth, S. Fischer

Ein falsches Wort

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