Entzwei

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Carola Krauße-Reim
621001

Belletristik-Couch Rezension vonJul 2023

Emotional aufgeladenes Debüt

Sabine Gelsing ist Freie Lektorin in Essen und auch ansonsten sehr rege in der Welt der Literatur unterwegs. „Entzwei“ ist ihr erster Roman und gleichzeitig auch ein sehr persönlicher. Die Handlung ist inspiriert durch die Familiengeschichte der Autorin, deren Mutter in einem katholischen Kinderheim aufwuchs, während ihrer Schwester dieses schwere Schicksal erspart blieb. Beide haben die gleichen Eltern und doch eine ganz andere Geschichte. Gelsing war es ein Anliegen, auf die teilweise menschenverachtenden Zustände in Waisenhäusern und Kinderheimen bis 1968 aufmerksam zu machen. „Den Kindern wurde die Würde abgesprochen. Erst 1968 stellte das Bundesverfassungsgericht fest, dass das Kind ein Wesen mit eigener Menschenwürde ist und Recht auf Entfaltung seiner Persönlichkeit hat.

Alma und Helene

Elfriede ist schwanger und will dennoch nicht den Kindsvater heiraten. Weil sie ihre Unabhängigkeit behalten will, lässt sie sich auf einen perfiden Handel ein – Kind gegen Geld. Doch sie bekommt nicht nur ein Kind, sondern Zwillinge. So werden Helene und Alma getrennt. Während Helene auf dem Obsthof des Vaters aufwächst, kommt Alma nach dem Tod der Mutter in ein katholisches Kinderheim. Erst Jahrzehnte später erfährt Helene durch einen Zufall von ihrer Schwester. Sie sucht Alma und wünscht sich einen gemeinsamen Lebensabend mit ihr. Doch Almas traumatische Kindheit droht diesen Traum zunichte zu machen.

Zu viel gewollt

Die unterschiedlichen Schicksale von Helene und Alma hätten genug Stoff für einen emotional aufgeladenen und auch spannenden Plot hergegeben. Doch Gelsing musste noch den ein oder anderen Twist einbauen, welcher der Geschichte nicht gut tut und sie zu sehr ins Reich der Fantasie führen lässt. Wäre sie lediglich bei Alma und Helenes Kindheit geblieben, hätte „Entzwei“ ein sehr überzeugendes Debüt sein können. So aber wird das eigentlich schon ausreichend traurige Schicksal von Alma zu sehr dramatisiert, nicht zuletzt durch die ungeahnt vorhandene Verbindung zu Helene, die für einen packenden Plot absolut nicht nötig gewesen wäre.

Eine Geschichte in drei Teilen

Auch wenn die Autorin das nicht tut, kann man den Roman in drei Teile einteilen: Die Geschichte von Elisabeth bis zur Geburt der Zwillinge, die Kindheit der beiden Mädchen und die Zeit des Kennenlernens und Aufeinanderzugehens der beiden älteren Frauen.

Während gerade der erste Teil sehr emotional aufgeheizt ist, verblasst ausgerechnet die Beschreibung der Kindheit der beiden Mädchen. Auch Helene wächst in einem wenig liebevollen Elternhaus auf, denn die Großmutter ist dominant und alles andere als herzlich. Doch was Alma durchmacht, ist schlicht die Hölle. Dennoch kann man nicht grenzenlose Empathie mit dem Mädchen empfinden, das auch eine sehr dunkle Seite hat. Warum sie tut was sie tut, wird erst am Ende, viele Jahrzehnte später, offensichtlich.

Da der Fokus während des zweiten Teils aber auf Alma liegt, ist man nicht endgültig emotional gefesselt von ihrem Schicksal, was sie allerdings durchaus verdient hätte – dadurch sind wir wiederum bei den unnötigen Wendungen, die die Autorin scheinbar unbedingt in der Geschichte haben wollte.

Der dritte Teil wiederum schafft es endgültig, den Roman dann doch noch lesenswert zu machen. Auch wenn der Stil manchmal etwas fragwürdig ist, immerhin schreibt hier eine Lektorin, wird man von Helenes Zwiespalt ergriffen. Sie muss feststellen, dass Großmutter und auch der geliebte Vater sie hintergangen haben. Gleichzeitig versucht sie deren Betrug wieder gut zu machen, was ihr mit einer traumatisierten Alma aber nicht leicht gelingen will. Hier setzt die Geschichte abermals viel Emotionalität frei und fesselt die Leserschaft wieder.

Fazit

Eine Familiengeschichte, die unter die Haut geht. Auch wenn Sabine Gelsings Debüt sowohl inhaltlich als auch sprachlich nicht immer ganz überzeugt, zeigt es doch die unhaltbaren Zustände in Kinderheimen bis mindestens 1968 und überhaupt den Zustand der ganzen Gesellschaft, die unehelich geborene Kinder als Schande ansah und ihnen und ihren Müttern das Leben sehr schwer machen konnte.

Entzwei

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