Freunde von Freunden

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Stefanie Eckmann-Schmechta
951001

Belletristik-Couch Rezension vonJul 2023

Serendipities – oder glückliche Zufälle

Alice Quick hat den Faden verloren. Einst von ihrer Mutter am Klavier zur Höchstleistung angetrieben, hat sie, kurz vor ihrem Ziel, plötzlich allem den Rücken gekehrt. Der Musik, ihren Ambitionen und ihrer einst so klaren Zukunft. Ihre Adoptivmutter verstarb zu früh, nie hat sie mit ihr geklärt, ob sie Alice die Beendigung ihrer Karriere als Konzertpianistin je verziehen hat. Am Sterbebett versprach Alice ihrer Mutter Ärztin zu werden. Vielleicht als Wiedergutmachung, so dass ihre Mutter wieder stolz auf sei sein kann. Sie hat nie erfahren, was ihre Mutter darüber gedacht hätte.

Doch Alice schafft es in den folgenden Jahren nicht einmal, auch nur die Anmeldung für den Mediziner-Test durchzuziehen. All die Push-Nachrichten, die spannenden Instagram- oder Facebook-Posts (dies alles spielt sich im Jahr 2015 ab, falls sich jemand wundert) sind einfach zu groß, um sich mit etwas zu beschäftigen, das doch einige Zeit der Konzentration braucht. Und ehe Alice es sich versieht, ist wieder ein Monat vergangen, ohne dass sie das Versprechen, das sie ihrer Mutter und in gewisser Weise der ganzen Welt (eben über Facebook etc.) gegeben hat, auch nur ansatzweise eingelöst hätte. Aber muss sie wirklich in irgendetwas herausragend sein?

Für ihre neue Mitbewohnerin Roxy, mit der sie sich eine Kellerwohnung mit Baum(stamm) in der Küche teilt, ist das ganze Internet sowieso nur ein Spiel und nicht real. Roxy ist ständig, fast rund um die Uhr im «Virtual Space» und man wundert sich, wie sie überhaupt in der realen Welt zurechtkommt. Besonders an ihrem Arbeitsplatz im Team um den Bürgermeister – bei dem sie es aufgrund seines ungewöhnlichen Vornamens nicht verhindern kann, ihn Spiderman zu nennen – fragt man sich, wie sie eigentlich ihre Aufgaben erledigen kann. Roxy soll sich noch sehr irren, was ihre Einschätzung angeht. Sie wird deutlich zu spüren bekommen, wie viel Einfluss das www. auf das wahre Leben hat!

Und dann sind da noch Bill, Alices Bruder, und seine Frau Pitterpat, die eigentlich alles haben, was man sich wünschen kann. Bill ist nach dem Verkauf seiner sehr erfolgreichen App, die die Wünsche seiner User bereits kennt, bevor sie sie selbst gedacht haben, sehr reich. Pitterpat ist wunderschön und freut sich auf ein luxuriöses Leben in New York. Mit einem Mann, der endlich Zeit für sie hat. Doch Bill sucht noch immer nach Herausforderungen und schreibt sich schließlich bei der Uni für buddhistische Lehren ein.

Felix, der freundliche und stille Pfleger, der darüber hinaus sehr viele Jahre seinen kranken, verdrossenen Vater pflegt, soll – auch zu seiner Überraschung - ebenfalls noch eine Rolle spielen. Wie auch Bob – er heißt tatsächlich wegen eines Tippfehlers in der Geburtsurkunde Bobert – der einfach nicht die «Richtige» finden kann und mit der stets gleichen «Unschulds» - Masche immer jüngere Frauen dated, um sie dann ins Bett zu bekommen. Das bleibt auf Dauer natürlich nicht unentdeckt – genau: das Internet vergisst nichts.

So manche Person betritt die Bühne und keine verlässt sie geräuschlos. Ohne es zu ahnen, haben alle eine Verbindung zueinander. Wie sich das alles zusammenfügt, welches Schicksal ihre Wege lenkt, das weiß vielleicht nur eine höhere Macht, die über New York wacht. Aber auch das wird Alice wohl für immer verborgen bleiben.

Willkommen in New York

Autor Carter Bays, der auch die großartige und - meiner bescheidenen Meinung nach - bisher unerreichte Serie „How I Met your Mother“ geschrieben hat, beweist mit «Freunde von Freunden» erneut sein Talent, viele kleine Geschichten in einer großen aufgehen zu lassen, ohne jemals sein Hauptthema aus den Augen zu verlieren, auch, wenn es vorübergehend vielleicht den Eindruck macht. Seine Geschichten handeln von Menschen jeden Alters, jeder Herkunft, jeden Geschlechts. Sie haben oder suchen ihren Platz in dieser Stadt, die bekanntermaßen niemals schläft. Dem einen fällt es sehr leicht, andere haben es ungleich schwerer. Bays Universum strotzt von Menschlichem, von unterhaltsamen Marotten bis hin zu schweren Lebenskrisen. Dabei setzt er die Klammer um diesen «Big Apple» so geschickt, dass ich mich unversehens in die Geschichte aus vielen hineingezogen fühlte. Immer wieder schafft er es mit klugen Einfällen, Wendungen und unvorhersehbaren Ereignissen zu überraschen. Dabei spielt er auch nicht selten mit dem Leben seiner Darsteller.

Die Ironie des Schicksals

So kommt es, dass die Ursache für ein großes Unglück am Ende die Rettung bedeuten kann; also Glück im Unglück. Bays großes Talent, die situationsbedingte Komik - seine Darsteller sind wirklich nicht auf den Mund gefallen! -  so lebendig zu inszenieren, dass man sie direkt vor Augen hat, ist eines der Highlights in diesem Roman.

Der Humor bleibt also beileibe nicht auf der Strecke, auch wenn er zuweilen schon etwas makaber ist. Wer so etwas mag, ist hier genau richtig. Denn er hält einer unruhigen, mit sich selbst beschäftigten und ichbezogenen Gesellschaft auf sehr geschickte Weise den Spiegel vor, ohne die ehrlichen und die gefühlvollen Zwischentöne zu vernachlässigen.

Aller grotesken und makabren Ereignisse, die die Protagonisten im wahrsten Sinne des Wortes an den Rand ihrer Existenz bringen, liegt dem Roman eine Aufrichtigkeit zugrunde, der man nur zu gerne zuhört. Dabei scheint die Geschichte so leicht, sie erzählt von einem Sommer in New York. Von Bars und Cafés und Clubs. Vom Nachtleben und davon, spontan loszuziehen und zu sehen, was geschieht. Groteske Dinge, wundersame Dinge, Schicksalhaftes. Es bleibt immer spannend und ein gewisses Prickeln liegt in all dem. Also, lasst den Sommer nicht verstreichen, sondern taucht ein in das New York von Alice, Roxy und Pitterpat.

Fazit

Ein großartiges Buch voller Klugheit, Gefühl und Humor. Das ganze wunderbare Paket ruft geradezu nach einer Verfilmung oder zumindest nach einer Fortsetzung!

Freunde von Freunden

Carter Bays, Ullstein

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