Elizabeth Finch

  • KiWi
  • Erschienen: November 2022
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Thomas Gisbertz
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Belletristik-Couch Rezension vonFeb 2023

Eine nachdenkliche Geschichte, die sich aber selber ausbremst

Als sich Neil, gescheiterter Schauspieler, Drehbuchautor, Vater und zweifach geschiedener Ehemann,  an der Abenduniversität zum Seminar „Kultur und Zivilisation“ einträgt, kann er nicht ahnen, welcher Glücksfall dies für ihn ist und wie sehr diese Entscheidung sein Leben verändern wird. Zum ersten Mal hat er das Gefühl, am richtigen Ort zu sein. Neil ist fasziniert von der stoischen, anspruchsvollen Professorin Elizabeth Finch und ihrer Art, mit den Studenten umzugehen. Hier erlangt er etwas, was ihm in seinen Beziehungen verwehrt blieb: Anerkennung. Nach Beendigung des Studiums sucht Neil weiter den Kontakt zu seiner Mentorin, der bis zu ihrem Tod bestehen bleiben soll. Als sie stirbt, erbt Neil ihre Bibliothek und Aufzeichnungen - und stürzt sich in ein Studium über Julian Apostata, der für Elizabeth Finch ein Schlüssel zur Bedeutung von Geschichte an sich war: Der römische Kaiser wollte im 4. Jahrhundert das Christentum rückgängig machen. Wer war Julian Apostata? Und was wäre passiert, wenn er nicht so jung gestorben wäre? Neil begibt sich im wahrsten Sinne auf Spurensuche und findet dabei immer mehr zu sich selbst.

Vom großen britischen Essayisten

Es gibt wenige Autoren, deren Romane man blind kaufen kann. Julian Barnes gehört ohne Zweifel dazu. Er ist einer der wichtigsten zeitgenössischen Literaten Großbritanniens. Der Engländer, 1946 in Leicester geboren, arbeitete nach dem Studium moderner Sprachen als Lexikograph für das „Oxford English Dictionary“ - was sprachlich und stilistisch in seinen Werken immer wieder deutlich wird -, dann als Journalist. Von Barnes, der zahlreiche internationale Literaturpreise erhielt, liegt ein umfangreiches erzählerisches und essayistisches Werk vor, darunter „Flauberts Papagei“, „Eine Geschichte der Welt in 10 1/2 Kapiteln“ und „Lebensstufen“, in dem er sich mit dem Tod seiner Frau auseinandersetzt. Für seinen großartigen Roman „Vom Ende einer Geschichte“ wurde er mit demrenommierten britischen Man Booker Prize ausgezeichnet.

Von der Dozentin und ihrem Schüler

„Elizabeth Finch“ ist in vielerlei Hinsicht ein typischer Barnes-Roman: Zahlreiche intertextuelle Bezüge, geschichtliche, aber vor allem philosophische Bezüge und ein ironischer Erzählton prägen seine Werke von je her. Diesmal geht es um einen Mann, der eine ganz spezielle Beziehung, eine Art platonische Liebe zu einer besonderen Frau, seiner Dozentin, pflegt. Aus der Erinnerung heraus schildert der Ich-Erzähler Neil, wie er Elizabeth Finch kennen und schätzen lernte. Besonders ihre Selbstsicherheit und ihre natürliche Autorität ziehen ihn magisch an. Die Privatgelehrte Finch ist keine Person des öffentlichen Lebens, sondern steht in vielerlei Hinsicht eher außerhalb der Zeit. Darüber hinaus ist sie ein hochgesinnter, autonomer Mensch. Vor allem aber ist ihr Stoizismus der innerste Kern ihres Wesens, mit dem sie dem Leben gegenüber tritt. So etwas wie Selbstmitlied ist ihr vollkommen fremd. Ihre Studenten will sie nicht mit Fakten vollstopfen, sondern an deren Seite stehen, wenn sie sich im Denken und Argumentieren üben und eine eigene Meinung entwickeln. Was sie erwartet, ist aber Rigorosität. So steht die Diskussion bei ihr im Vordergrund, die sich oftmals spontan aufgrund aphoristisch zugespitzter Sentenzen ergibt. Sie zitiert den stoischen Philosophen Epiktet, hat ein kritisches Verhältnis zur englischen Nation wie zum Christentum und besitzt eine vernichtende Meinung zum Monotheismus. Vor allem aber geht es im Seminar aber immer wieder um die Frage: Was wäre wenn?

Wer war Elizabeth Finch?

Während die anderen Seminarteilnehmer weniger begeistert von ihrer Dozentin sind, erkennt Neil, dass ihm etwas im Leben fehlte und er durch das Seminar die Möglichkeit erhielt, Versäumtes nachzuholen. Dies ist auch der Grund, warum er nach seinem Studienabschluss weiterhin den Kontakt zu seiner Dozentin sucht. Über 20 Jahre kommt es regelmäßig zu Treffen zwischen ihnen, auch wenn diese doch recht eintönig verlaufen und es sogar feste Regeln gibt. Die Gespräche sind meistens kompliziert und selten auf Augenhöhe. Dennoch sind sie gewinnbringend für Neil, der seine Mentorin verehrt - auch weil sie soviel klüger ist als er. Als Elizabeth Finch stirbt, vermacht sie Neil sämtliche Unterlagen bzw. Papiere sowie ihre Bibliothek, womit er nach Belieben verfahren könne. Doch was soll er damit anfangen? Finch hätte es abgelehnt, dass Neil nun in ihrem Leben herumkriecht, dabei bestand das Leben der Verstorbenen schon früher aus viele Leerstellen und Tabuzonen. Indem Neil aber beginnt, ihre Notizen und Anmerkungen zu lesen, ihre früheren Aussagen zu reflektieren und sich ihr vorsichtig zu nähern, erkennt er den wahren Wert dieser eigenartigen Frau für sein Leben.

Fataler Einschnitt

Leider wird die Erzählung und der Lesefluss nach etwa einem Drittel abrupt unterbrochen, wenn sich der zweite Romanteil mit dem Leben und Wirken Julian Apostata, dem letzten heidnischen Kaiser des Römischen Reiches, beschäftigt. Eben jener Person, die schon im Seminar zum Gegenstand einer Diskussion wurde und über die Finchs ehemaliger Schüler nun einen Essay verfasst. Leider kommt damit auch die Geschichte von Neil und Elizabeth für gut sechzig Seiten jäh zum Stillstand. Auch anschließend scheint die Magie des Romans verflogen. Im dritten Teil, in dem Neil die biografische Recherche zu seiner ehemaligen Dozentin fortsetzt, gelingt es Julian Barnes leider nicht mehr, den Faden wieder adäquat aufzugreifen. Zu sehr scheint der Autor bemüht, Elizabeth Finch, die sich einst mit unverhohlener Kritik der Boulevardpresse im Rahmen eines seltenen öffentlichen Auftritts konfrontiert sah, am Ende eine Art Märtyrerstatus zu verleihen. Der Leser bleibt hier leider allzu sprachlos zurück. Der Spagat zwischen Essay und Roman gelingt Barnes leider ebenso wenig wie seinen Figuren Leben einzuhauchen. Sie wirken in gewisser Weise farblos und werden vom Autor in die Handlung geworfen, ohne zu wissen, welche Aufgabe sie übernehmen sollen.

Fazit

Barnes aktueller Roman bleibt am Ende so unnahbar wie Elizabeth Finch, das Ende so rätselhaft wie die Verehrung der Dozentin durch ihren Schüler und die Erzählweise so undurchsichtig wie das Leben der Mentorin. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass das Ansehen einer Person oft ein Wunschdenken und reine Interpretation von Signalen und Hinweisen durch andere ist. Eine wunderbare Idee für einen Essay, die als Roman aber konturlos bleibt.

Elizabeth Finch

Julian Barnes, KiWi

Elizabeth Finch

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