Taube und Wildente

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  • Erschienen: Oktober 2022
Taube und Wildente
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Carola Krauße-Reim
78

Belletristik-Couch Rezension vonJan 2023

Sprachgewaltige Bilder einer bourgeoisen Gesellschaft

Der von Golo Mann entdeckte Martin Mosebach ist seit 1980 Autor. Seine Werke sind nicht unumstritten, wurden aber für viele Preise nominiert und mit einigen renommierten ausgezeichnet. Er gilt als ausdrucksstark, einer, dem die Sprache mindestens genauso wichtig ist, wie der Inhalt. Das dem so ist, zeigt sein neustes Werk „Taube und Wildente“ wieder einmal bestens.

Geld muss her

Wie jedes Jahr im Sommer trifft sich Familie Dalandt auf ihrem Anwesen in der Provence. Doch was vordergründig nach Reichtum und Idylle aussieht, entpuppt sich als Luftschloss. Die Eheleute sind sich fremd geworden und Tochter nebst Enkelin und Freund scheinen nur noch nörgelnde Anhängsel zu sein. Da ist es nicht verwunderlich, dass das Bild „Taube und Wildente“ einen Streit auslöst. Marjorie kann an den beiden töten Vögeln nichts künstlerisch Wertvolles finden, während ihr Mann Ruprecht ganz begeistert ist, vor allem von dem ganz unscheinbaren roten Punkt in der Mitte des Gemäldes. Als sich das Dach des Hauses als unbedingt sanierungsbedürftig erweist, will Ruprecht das Bild von Majorie kaufen und stößt damit Vorgänge an, für welche die toten Vögel Sinnbild sein können.

Elaborierte Sprache ist eine Herausforderung

Wie zu erwarten, ist auch dieses Werk von Martin Mosebach in einem sehr ausdrucksstarken und nicht immer ganz einfach zu lesenden Stil gehalten. Wörtliche Rede findet man nur selten, passive dagegen umso mehr. Die narrativen Passagen müssen mit viel Aufmerksamkeit gelesen werde, wobei sich Hintergründiges oft als sehr Wichtiges erweist. Probleme werden kaum benannt, sondern hinter vorgeschobenen Handlungen verklausuliert. Die Handlung selbst wird dabei emotionslos und distanziert betrachtet, was eine Identifikation mit den Figuren nahezu unmöglich macht. Dennoch ist die Sprachgewalt gleichzeitig Herausforderung und Genuss. „Er war seit Jahren mit einem optischen Tinnitus vertraut, mit Bildern, die ihn nie verließen, jedem seiner Worte unterlegt waren und neben jedem seiner Gedanken herliefen“ oder „ … ein Nichts zu sein, nicht im Sinne des Nichtwürdigen, des Nichtigen, sondern ganz wörtlich in der Bedeutung einer sich der Definition entziehenden Entität – das war ihm ein vertrauter Gedanke“ sind hierfür Beispiel.

Überall finden sich Abgründe

Mosebach beschreibt eine bourgeoise Gesellschaft, die nur aus egozentrischen Individuen zu bestehen scheint und, die sich immer mehr in Richtung Abgrund bewegt. Rücksicht oder gar Liebe findet man hier nicht. Wie das Dach, sind hier auch alle Beziehungen kaputt und werden nur noch aus Bequemlichkeit aufrecht erhalten, wobei alle schon längst ihre eigenen Wege gehen und ihre eigenen Geheimnisse pflegen. Mosebach nimmt die Beziehungen gnadenlos auseinander und deckt die Abgründe schonungslos auf. Dabei ist das Bild der beiden toten Vögel der Dreh- und Angelpunkt und zeitgleich das Sinnbild des Ganzen. Als sich der Schluss allerdings als ebenso krachend, wie überraschend entpuppt, kann bei der Leserschaft doch noch ein kleiner Funke Hoffnung für die Gesellschaft an sich und die Familie Dalandt in Speziellen aufkommen. Es ist sehr schön, dass sich eine Schwarz-Weiß-Abbildung des Gemäldes, das sich im Übrigen einmal im Besitz des Autors befand, im Anhang befindet und somit während der Lektüre immer wieder betrachtet werden kann.

Fazit

Martin Mosebach legt sprachgewaltig Abgründe frei, nimmt Beziehungen auseinander und zeichnet ein düster-gleichgültiges Bild einer bourgeoisen Familie und Gesellschaft. Der Roman ist Herausforderung und Genuss zugleich, wobei man bereit sein muss, sich auf das hohe sprachliche Niveau einzulassen, das die Lektüre nicht immer ganz eingänglich macht.

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