Unsre verschwundenen Herzen

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  • Erschienen: Oktober 2022
Unsre verschwundenen Herzen
Unsre verschwundenen Herzen
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Carola Krauße-Reim
92

Belletristik-Couch Rezension vonJan 2023

Eine noch fiktive Dystopie

Seit den Zeiten der Krise bestimmt PACT das Leben der Amerikaner - Gesetze, welche die „amerikanische Kultur“ schützen und vor fremden Einfluss auf sie bewahren sollen. Doch für Menschen asiatischer Herkunft bedeuten sie im günstigsten Fall Diskriminierung, im schlimmsten Inhaftierung oder Zwangsadoption ihrer Kinder. Auch der 12-jährige Bird, der eigentlich Noah heißt, hat eine Mutter, deren Eltern aus China eingewandert waren. Doch sie ist seit drei Jahren spurlos verschwunden - „sie hat uns verlassen“, sagt sein Vater. Aber dann bekommt Bird einen Brief von ihr. Er will Antworten auf so viele Fragen und begibt sich auf eine abenteuerliche Suche nach Margaret, der Dichterin, die seine Mutter ist.

Liebe in Zeiten der Diskriminierung

Celeste Ng betrachtet wieder einmal, wie in ihrem viel gelobten Roman „Kleine Feuer überall“, die amerikanische Gesellschaft. Größtenteils aus der Sicht des Kindes Bird schildert sie ein Leben unter PACT, Gesetze zum Schutz von „echten“ Amerikanern und ihrer Kultur. Menschen mit fremdländischen Aussehen werden gnadenlos unterdrückt, ihre Familien in regelrechte Sippenhaft genommen. Heraus kommt eine sehr düstere Dystopie, die als Konsequenz der tatsächlichen gegenwärtigen Situation (nicht nur) in den Staaten, gar nicht so abwegig erscheint. Und so bleibt das Gelesene als real mögliches Szenario, geboren aus den Folgen des Kriegs in der Ukraine und der Pandemie mit all ihren ökonomischen und ökologischen Miseren, der Zunahme von Populismus und dem Schaffen neuer Feindbilder immer im Hinterkopf. Doch Ng zeigt auch, dass Liebe auf unterschiedlichen Wegen viel aushalten kann. Birds Vater kümmert sich um seinen Sohn und sucht ihn zu beschützen; seine Mutter engagiert sich aus dem Untergrund für die verschwundenen Kinder der asiatischen Mitmenschen und Sadie, Birds Freundin aus der Schule, kämpft mit all ihren Möglichkeiten gegen die Verdammung ihrer Eltern und sucht gleichzeitig nach ihnen, denn sie ist eines der zwangsadoptierten Kinder.

Stil und Figuren tragen die Geschichte

In ihrem gewohnt ruhigem und dennoch sehr elaborierten Stil, schafft es Ng von Anfang an, die Leserschaft an die Geschichte zu binden. Das bleibt so während des ganzen Romans, auch wenn er manchmal doch etwas sehr ins Plakative abgleitet. So sind ausgerechnet Bibliotheken Orte des Widerstandes, Birds Mutter Dichterin und sein Birds Vater Linguist. Zu offensichtlich wird hier auf die Macht der Worte gezeigt. Doch das verzeiht man der Autorin gerne, die selbst das Wort gekonnt einsetzen kann und zeitgleich die Figuren zu wahren Charakteren formt. Denn erst im Laufe des Geschehens erkennt man, wie sie wirklich sind und was sie nur vorgeben zu sein. Immer tiefer wühlen wir uns mit Bird in die Vergangenheit und die traurige Gegenwart und müssen am Ende erkennen, das Opfer nötig sind, wenn man sich selbst treu bleiben will.

Fazit

Ein Roman, den unsere Zeit braucht! Ng schildert ausdrucksstark wie die Zukunft aussehen könnte, wenn die Tendenzen der Gegenwart ignoriert werden. Dabei geht die Geschichte von Bird und seiner Familie unter die Haut, auch wenn sie teilweise etwas zu plakativ wirkt.

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