Elternabend

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Sandra Dickhaus
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Belletristik-Couch Rezension vonMai 2023

Elternabend – Ein Erlebnis der dritten Art?

Sebastian Fitzek, eigentlich bekannt als Thriller-Autor, präsentiert uns hier zum zweiten Mal einen Roman, der vom ursprünglichen Genre des Autors abweicht. (Auch wenn der Titel dies nicht unbedingt vermuten lässt.) In seinem 38. Buch befasst er sich, als vierfacher Vater, mit dem ihm gut bekannten Grauen aller „normalen“ Eltern: dem Elternabend. Aber einem Elternabend beizuwohnen, wenn man kein Kind hat, ist noch ein viel größeres Grauen.

Ein Elternabend ohne eigenes Kind- wie geht das denn?

Doch fangen wir von vorne an. Zu Beginn lernen wir einen der Hauptprotagonisten, Sascha Nebel, in einer Extremsituation kennen. Er sitzt in einem von ihm gestohlenen Luxuswagen, ist auf dem Weg zu seiner Tochter und wird von einer Irren, die er für eine durchgeknallte Klimaaktivistin hält, mit einem Baseballschläger attackiert. Die Schläge treffen den SUV an empfindlichen Stellen und aufgrund einer „Fridays for Future“- Demo, die sich dem Gefährt nähert, erscheint die Polizei. In diesem Chaos fliehen Sascha und die Unbekannte mit dem Baseballschläger. Ihren Namen kennt er nicht, gibt ihr demnach für sich selbst den Namen „Wilma“. In Gedanken an eine schnellere Art der Flucht, steigt er in einen wartenden Bus und die Unbekannte mit ihm.

„Dass damit ein Albtraum begann, wäre im Nachhinein betrachtet die Untertreibung des Jahres.“

Wo sind sie da gelandet? Sie können es selbst kaum glauben, denn die Reisegruppe ist gemeinsam auf dem Weg zu einem Elternabend der 5. Klasse und das ungewöhnliche Pärchen nimmt nun die unliebsame Identität von Lutz und Christin Schmolke an. Niemand hat sie je vorher gesehen. Jetzt haben Sascha und die Unbekannte auf einmal ein Kind, nämlich Hector, der als der größte Störenfried der Klasse gilt. Die Fahrt führt auf eine Insel, auf denen die Eltern eine Nacht verbringen sollen, um gerade über das Hauptproblem, also Hector, zu sprechen. Da sitzen sie nun: Sascha und „Wilma“, zwei sich völlig fremde Menschen, die überraschend Eltern geworden sind, und mit der Situation rund um ihre neue Familienzusammenführung klarkommen müssen - Streit, Verwechslungen, Peinlichkeiten inklusive. Leider ist ihr neues Kind Hector auf einmal ihr kleinstes Problem…

Wichtiger Hinweis Fitzeks: Eine Komödie mit ernstem Unterton

Wichtig ist, den Hinweis Fitzeks zu Beginn ernst zu nehmen, denn hier weist er daraufhin, dass es in dieser Komödie auch um wirklich ernste Themen wie beispielsweise Suizid und Mobbing geht. Jemand, der den Roman nur anhand der Prämisse des Humors liest, sollte diesen sonst weglegen. Allerdings zeigt er auf, dass diese wichtigen Aspekte gerade in eine Komödie, in der solche Gedanken und tiefgründige Themen nicht erwartet werden, gehören. Da hat der Autor vollkommen recht! Genau diese Einstellung lässt die Handlung, die Figuren nicht platt und unauthentisch wirken, sondern gibt dem Ganzen genau die Tiefe, die es braucht. Auch wenn, ganz ehrlich gesagt, diese Momente, in denen die witzige, ironische Atmosphäre durchbrochen wird, völlig unerwartet kommen und schockieren – so soll es auch sein! Nur so wirken sie nach! Und das tun sie definitiv.

Kontrast zwischen Spiel mit Stereotypen und Einschub ernster Themen

Fitzek spielt hier mit Stereotypen, benennt die Vorurteile beim Namen und lässt uns daran teilhaben. Da ist der Vater in Netzshirt und Designerjogginghose mit trendigen Schuhe, der großmaulige, laute Vater, der eine (falsche) Rolex am Handgelenk zur Schau stellt, die Helikoptereltern, die Tigereltern, die noch schlimmer sind und diejenigen, die echte Wurst als fleischlose Alternative anbieten und den Lob der anderen für den authentischen Geschmack einkassieren. Man wirft einen ungeschönten, ironischen Blick auf die Gesellschaft. Diese polarisiert natürlich, aber Fitzek trifft genau den richtigen Ton. Der Kontrast zwischen überzeichneten Protagonisten, witzigen Szenen (die übrigens, laut Fitzek, auch in vielen Situationen wirklich so passiert sind) und dem Einschub sehr ernster Themen geben dem Werk genau den Tiefgang, den es braucht.

Fazit

Fitzek macht das, was er kann: Humor beweisen. Sein bildreicher Erzählstil, die ironischen Einschübe und die flüssig lesbaren Kapitel unterscheiden sich nicht von dem Fitzek, der sich sonst in dunkleren Genregefilden tummelt. Und ganz ehrlich, hier stecken mehr Thrillerelemente als in manch anderem Titel, der sich tatsächlich in diese Sparte einordnen lässt.

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