Der Geruch von Erde

  • Ludwig
  • Erschienen: September 2022
Der Geruch von Erde
Der Geruch von Erde
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Julian Hübecker
81

Belletristik-Couch Rezension vonOkt 2022

Über eine pflichtbewusste, unbeugsame Frau

Rosa Wegscheider hätte sich definitiv etwas anderes für ihr Leben vorgestellt, als sie die Totengräberin von Waging wurde. Doch ihr Mann wurde krank und konnte diesen Beruf nicht mehr ausüben. Pflichtbewusst und fleißig machte sich Rosa ans Werk – nicht wissend, dass dies ihr Lebenswerk werden würde.

„Ich mein ja nur, lieber schönreden als schlechtreden, man muss das Beste aus dem Leben machen. Und aus dem Tod.“

Die Arbeit des Totengräbers ist wahrlich keiner, den viele Kinder und Jugendliche sich als Berufswunsch vorstellen können. Und wenn sich doch der ein oder andere dies als erfüllend denken könnte, so sind das vor allem Männer. Aber manchmal spielt das Leben anders, als man gedacht hat. So auch bei Familie Wegscheider, die sich erträumt hat, ein Gehöft ihr Eigen zu nennen und so ein bescheidenes, aber zufriedenes Leben zu führen. Doch in den 1950ern war man schon lange unzufrieden mit dem Totengräber von Waging, der nur soff und zu nichts anderem zu gebrauchen war. Daher entschied sich der Bürgermeister, Anderl Waging zu verpflichten – sehr zum Missfallen seiner Frau Rosa.

Rosa und Anderl kennen sich schon zeitlebens. Sie wachsen im gleichen Ort auf und leben nur unweit voneinander auf verschiedenen Höfen. Trotz des beträchtlichen Altersunterschieds verliebt sich Rosa früh in den gut aussehenden Anderl. Das ändert sich auch nicht, als er schwer gezeichnet aus der russischen Kriegsgefangenschaft zurückkehrt – seinen Humor und Lebenswillen hat er nämlich nicht verloren. Die beiden heiraten und bekommen zwei Kinder. Anderl jedoch erholt sich nie ganz vom Krieg: Seine Lunge wird immer schwächer, und so kann er irgendwann auch nicht mehr als Totengräber arbeiten. Das Geld können die Wegscheiders aber gut gebrauchen, weshalb Rosa einspringt.

Von nun an herrscht sie über ihr Totenreich, vergrößert es sogar und verwaltet damit die Friedhöfe der umliegenden Ortschaften. Herrisch und bestimmend, aber unbeugsam bis ins hohe Alter wird sie zur Hauptverdienerin ihrer Familie – und zur vermutlich einzigen Totengräberin jener Zeit.

Eine faszinierende Frau gegen alle Widrigkeiten

Freilich war es zu dieser Zeit keine Selbstverständlichkeit, dass eine Frau arbeiten ging, ganz davon zu schweigen, dass sie die Toten transportiert, gewaschen und gekleidet und die Gräber ausgehoben hätte. Doch der Anderl wusste, was er an seiner Frau hatte – nicht, dass Rosa sich irgendwas erzählen ließ. Es ist schon sehr witzig zu lesen, wie unnachgiebig Rosa sein konnte; selbst, wenn sie mal nicht Recht hatte: zugeben konnte sie das nicht. Andererseits steckte unter der harten Hülle ein sensibler Kern, der immer wieder kurz an die Oberfläche kam: etwa, wenn die Leute über sie redeten, wenn sie an ihren Anderl dachte, der irgendwann seiner Krankheit erlag, oder als ihr Totenreich zu bröckeln begann.

Die Totengräberin wurde über 90 Jahre alt, und bis zuletzt saß sie an ihrem Telefon, um ja keinen Toten zu verpassen. Überhaupt pflegte sie eine besondere Beziehung zum Tod, dem „Boandlkramer“, den sie fürchtete, aber auch willkommen hieß. Christiane Tramitz hat die gesamte Persönlichkeit Rosas eingefangen und sie so walten lassen, wie sie war. Sie brauchte nichts zu beschönigen, weil die Totengräberin geformt wurde durch das Schicksal ihres Lebens. Sie hat nicht hinterfragt, sondern wusste, was getan werden musste, um eine Zukunft zu haben. Das alles und viel mehr hat diese faszinierende Frau ausgemacht.

In der Mitte des Buches findet man einige Familienfotos, die Rosa vom Kindesalter bis zur alten Dame bei ihrem letzten Interview im Jahr 2020 zeigen (sie starb 2021). Dadurch ergibt sich ein komplettes Bild, ohne dass man etwas vermissen könnte. Einzig die unangekündigten Wechsel zwischen der Gegenwart und Vergangenheit irritieren zwischendurch.

Fazit

Dieser biografische Roman erzählt von einer Frau, die als Totengräberin von Waging bekannt wurde. Eine emanzipatorische Erzählung mit viel Hintergrund und Witz.

Der Geruch von Erde

, Ludwig

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