Violeta

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Carola Krauße-Reim
78

Belletristik-Couch Rezension vonOkt 2022

Noch ein Familienepos

Die inzwischen 80-Jährige Isabel Allende wird nicht müde Romane zu schreiben. Mit „Violeta“ legt sie abermals ein Familienepos vor, das 100 Jahre umfasst und wieder einmal einen kleinen Bezug zu ihrem größten Erfolg „Das Geisterhaus“ aufweist.

Von Spanischer Grippe bis Corona

Violeta del Valle ist inzwischen 100 Jahre alt. Ihr Leben ist eingerahmt von zwei Pandemien, die die Welt erschütterten – der Spanische Grippe 1920 und Corona 100 Jahre später. In ihrem Leben hat sie Wohlstand und Armut erlebt, wurde geliebt und hat geliebt. Sie war eine erfolgreiche Geschäftsfrau und eine weniger erfolgreiche Mutter. Den Umwälzungen in Lateinamerika hat sie sich gestellt und ihr Tun war mehr als einmal nicht gesellschaftskonform. Dieses lange und unkonventionelle Leben bedarf mancher Erklärungen und soll vor allem nicht in Vergessenheit geraten. Daher schreibt sie einen sehr langen Brief an Camilo, dessen Identität wir erst relativ spät erfahren.

Wieder einmal die del Valles

In Isabel Allendes weltbekanntem Debütroman „Das Geisterhaus“ lernten wir die Familie del Valle bereits kennen. Immer fand sie danach, mehr oder weniger umfangreich, Erwähnung in Folgeromanen. Auch in „Violeta“ gibt es diese Verwandtschaft, jedoch spielt sie für das Geschehen keine Rolle. Überhaupt greift Allende einmal mehr auf Altbewährtes zurück. Violetas Familie ist scheinbar wohlhabend, lebt mit Bediensteten in einem großen Haus und verkehrt in den gehobenen Kreisen der Hauptstadt. Das Schicksal hält so manche Tragik bereit, der wieder einmal wenig konventionell entgegengetreten wird.

Allende wagt es nicht neue Wege zu gehen, sie verharrt in ihrem bis jetzt erfolgreichen Konzept der gebeutelten Upperclass-Familie. Wenn man schon Generationenromane der Autorin gelesen hat, wird man in „Violeta“ nichts Neues finden. Die Motive und die Themen wiederholen sich, die Abläufe in der Familie auch. Der Neugier der Leserschaft auf Unbekanntes wird hier ganz schnell der Garaus gemacht. Selbst die Libido der Protagonistin spielt wieder einmal eine beachtliche Rolle, wobei wir vielleicht mehr erfahren als wir jemals wissen wollten.

Im Galopp durch 100 Jahre Leben

Auch wenn der Roman 400 Seiten umfasst, hat man das Gefühl keine Situation ist richtig auserzählt. Vieles wird im Galopp genommen; muss Eingang finden, weil es die Geschichte Lateinamerikas verlangt oder weil es die Autorin unbedingt erwähnt haben will, wie z.B. die Gewalt gegen Frauen und die häufige wirtschaftliche und emotionale Abhängigkeit vom Gewalttäter. Die ganze Geschichte erscheint so relativ oberflächlich und weiß daher auch nur selten zu fesseln. So kann es der Leserschaft leider auch mit den Charakteren gehen. Obwohl wir Violeta durch ihr langes Leben begleiten, hat man nie den Eindruck hinter ihre Fassade blicken zu können. Sie ist das Klischee der von Allende so oft bemühten unkonventionellen Frau, die abhängig ist und gleichzeitig mit den ihr möglichen Mittel aus dieser Abhängigkeit zu entfliehen versucht. Alle Nebencharaktere sind noch weniger greifbar, oft erscheinen sie nur angerissen. Ihre Handlungen sind für den Ablauf der Ereignisse wesentlich, jedoch wird ihre Motivation dafür kaum erklärt. Während der Lektüre blitzt so immer wieder der Gedanke auf, dass Isabel Allende mit ihrem neuen Roman einfach kein Risiko eingehen wollte und auf die Treue ihrer Leserschaft hofft, die sich auch mit einem aufgewärmten Plot zufrieden geben könnte. Der ist allerdings und zum Glück, in ihrem gewohnt leicht ironischen und mit viel Humor durchzogenen Stil abgefasst, der die 100 Jahre dann doch noch erträglich macht.

Fazit

Mit „Violeta“ schlägt Isabel Allende altbekannte Pfade ein, die sehr an andere Generationenromane aus ihrer Feder erinnern. Jedoch fehlt dieses Mal der Esprit in der oberflächlichen Geschichte und die Tiefe der Charaktere. Damit wirkt der Roman eher wie eine schwache Wiederholung von „Das Geisterhaus“ und ist eigentlich fast schon eine Enttäuschung.

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