Die versteckte Apotheke

Die versteckte Apotheke
Die versteckte Apotheke
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Julian Hübecker
85

Belletristik-Couch Rezension vonAug 2022

Ein wenig Spanische Fliege für den sexuell umtriebigen Mann?

Caroline muss raus! Die Affäre ihres Mannes hat ihr den Boden unter den Füßen weggezogen. Sie fliegt allein nach London, um ihre Gedanken zu sortieren. Doch plötzlich ist sie mittendrin in der bedeutendsten Entdeckung ihrer nie ganz erblühten Historiker-Karriere. Der Ausgangspunkt: das 18. Jahrhundert und eine Giftmischerin, die anderen Frauen einen Ausweg aus der Knechtschaft der Männer geboten hat …

„Das Töten und Hüten von Geheimnissen hatte mir das angetan. Es hatte mich aus der Mitte heraus verfaulen lassen, und etwas in meinem Innern wollte mich aufbrechen.“

Von einem Moment auf den anderen verändert sich Carolines Leben schlagartig: Noch freut sie sich auf die gemeinsame Reise mit ihrem Mann James nach London anlässlich des 10. Hochzeitstags; doch dann findet sie heraus, dass er eine Affäre hatte, und tritt daher die Reise alleine an. Hier will sie den Verrat verarbeiten und über ihr weiteres Leben nachdenken. Nur durch Zufall trifft sie auf einen Mann, der sie zum „mudlarking“ überredet, der Schatzsuche im Schlamm der Themse, der während der Ebbe freiliegt. Sie ahnt nicht, welches Geheimnis sie zutage fördert, das über 200 Jahre verborgen geblieben ist.

Im Jahr 1791 betreibt Nella eine Apotheke für Frauen. Schon ihre verstorbene Mutter hat all ihr Wissen eingesetzt, um leidende Frauen zu heilen und ihnen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Doch Nella geht einem anderen Gewerbe nach: Über heimliche Mundpropaganda hat sie sich einen Namen als Giftmischerin gemacht. Auf Anfrage verkauft sie Gifte und tödliche Tinkturen, um den betrügenden Ehemann, den gewalttätigen Bruder oder den missbrauchenden Onkel um die Ecke zu bringen. Dabei folgt sie nur einer Regel: keiner Frau zu schaden!

Die 12-jährige Eliza sucht auf Anweisung ihrer Herrin Mrs. Amwell die versteckt gelegene Apotheke von Nella auf, um ein Gift für Mr. Amwell zu besorgen. Dieser macht sich an die jungen Dienerinnen heran, und auch Eliza wäre fast sein Opfer geworden. Das Gift wirkt und Mr. Amwell stirbt einen raschen, aber nicht angenehmen Tod. Eliza ist fasziniert von Nellas Arbeit und wünscht sich, von ihr ausgebildet zu werden. Zudem befürchtet sie, von Mr. Amwells Geist heimgesucht zu werden, da kurz nach dessen Tod ihre erste Regelblutung einsetzt – ein Schock für das junge Mädchen.

Nella und Eliza verstehen sich auf Anhieb. Doch merkt Nella, wie sie über die Jahre hinweg innerlich zu verrotten beginnt. Ihr Tun zehrt sie auf und das will sie Eliza ersparen. Doch das Mädchen ist hartnäckig und setzt schließlich Ereignisse in Gang, die Nella den Kopf kosten könnten.

Mit wunderschönem Cover

Was natürlich direkt als erstes auffällt, ist das Cover des Buches, das in dunklen Violett- und Purpurtönen die richtige Stimmung vermittelt. Es sieht nach großen Geheimnissen und dunklen Verwicklungen aus. Nella als Giftmischerin steckt in einem Sumpf fest, der ihren Lebensgeist immer kleiner werden lässt. Tag für Tag hockt sie in einer versteckten Kammer, wartet auf Kundschaft und braut Gifttränke zusammen, deren Dämpfe sie unweigerlich einatmet. Es stellt sich eine bedrückende Atmosphäre ein, und das London des 18. Jahrhunderts wird düster und grau dargestellt.

In der Gegenwart hat Caroline mit eigenen Problemen zu kämpfen, die Atmosphäre ist jedoch hektischer und betriebsamer. Ihr jahrelanger Wunsch, als Historikerin im Dreck zu wühlen und Geschichte lebendig werden zu lassen, scheint sich plötzlich zu verwirklichen, als sie einen Gegenstand findet, der mit Nella vor 200 Jahren in Zusammenhang steht. Natürlich weiß sie noch nichts über die Besonderheit ihres Fundes, doch die Verknüpfung geschieht glatt und glaubwürdig.

Abwechselnd wird nun zwischen den beiden Zeitebenen hin- und hergesprungen, und beide sind ausnehmend spannend geschrieben. Caroline kämpft zusätzlich um ihre Ehe, was nochmal Würze in die Geschichte bringt. Was ein wenig fehlt, ist mehr Hintergrundwissen zum Thema Gifte und wie man diese früher eingesetzt hat. Am Ende des Buches werden ein paar gelistet und erklärt. Jedoch wären die ein oder anderen Informationen in der Geschichte selbst ansprechender gewesen.

Fazit

Es ist keine atemlose Geschichte, die Sarah Penner geschrieben hat. Es gibt auch die leisen Töne, die aber nicht weniger genossen werden. Insgesamt ein interessantes, atmosphärisches Buch und gleichzeitig das Erstlingswerk einer talentierten Autorin.

Die versteckte Apotheke

, Harper Collins

Die versteckte Apotheke

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