Murmeljagd

Murmeljagd
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Carola Krauße-Reim
60

Belletristik-Couch Rezension vonJul 2022

Intensiv und fordernd

Ulrich Becher wurde 1910 in Berlin geboren, war seit 1932 Mitglied im PEN und verfasste mit „Männer machen Fehler“ sein Debüt, das von den Nazis als „entartete Kunst“ auf deren Scheiterhaufen verbrannt wurde. Becher floh nach Österreich und bemühte sich nach dem „Anschluss“ um eine Arbeitserlaubnis in der Schweiz, die ihm verweigert wurde. Eine Odyssee begann, die über Brasilien und New York nach Kriegsende wieder nach Europa führte. 1969 wurde sein autobiografisch geprägter Roman „Murmeljagd“ veröffentlicht, der in einer Neuausgabe ein anhängendes Essay von Eva Menasse erhielt und jetzt noch einmal aufgelegt wurde. Ulrich Becher starb 1990 in Basel, seine Werke haben nie die breite Öffentlichkeit erreicht, doch „Murmeljagd“ gilt als sein bestes Werk und als Geheimtipp.

Trebla flieht in die Schweiz

Der Protagonist des Romans wird nie mit vollem Namen genannt, behält somit etwas Geheimnisvolles. Albert von ***, genannt Trebla (Albert rückwärts gelesen) flieht vor den Nazis aus dem „angeschlossenen“ Österreich in die Schweiz, wo er seine Frau Xane wieder trifft. Trebla ist Journalist und hat sich unter den Nazis keine Freunde gemacht. In seinem Exil hofft er auf Sicherheit und Ruhe, um wieder arbeiten zu können, doch er gerät von einer grotesken Situation in die nächste. Er fühlt sich durch merkwürdige Todesfälle bedroht und versucht sich wie ein Murmeltier zu verstecken und unter dem Radar zu bleiben.

Autobiografisch angehaucht

Trebla hat viel von Becher. Die eigene Flucht des Autors vor den Nazis und die daraus resultierenden Erlebnisse spielen in diesen Roman hinein. Doch Becher lässt Trebla noch so viel Eigenleben, dass man diesen als eigenständige Figur sehen kann. Zwar hat auch Trebla mit Schwierigkeiten zu kämpfen, wie den Tod von Freunden in Deutschland, Verhören durch die Polizei und Problemen mit der Arbeitserlaubnis. Doch Becher macht aus diesen Vorfällen stets aberwitzige Situationen, die dem Protagonisten scheinbar nicht wirklich etwas anhaben können oder er zumindest nicht zeigt, wie weit ihm das alles unter die Haut geht. Dadurch sind die Protagonisten, wie auch die unzähligen anderen Figuren des Romans kaum zu fassen. Alles bleibt oberflächlich und wird ins Lächerliche gezogen. Der als Ich-Erzähler fungierende Trebla lässt genauso wenig Gedanken, wie Nähe zu und macht die Lektüre daher zu einem schwierigen Unterfangen. Dazu kommen ständige Rückblicke und Ausflüge in die Kultur und Geschichte Europas. Der überaus komplexe Stil tut dann den Rest, um die Lektüre zu einer wahren Herausforderung zu machen.

Zahlreiche Idiome machen das Lesen zur Herausforderung

Das Schriftbild der 700 Seiten ist sehr klein, was den Roman fast ausufernd lang werden lässt. Becher versucht gleichzeitig mit Humor und Tiefsinnigkeit die Absurdität der Situationen zu meistern und zu zeigen, dass man das Leben nur so bewältigen kann. Was als moralisch-witzige Anklage und teilweise Schilderung der eigenen Erfahrungen angelegt ist, wird allerdings durch den stilistischen Anspruch Bechers schwierig zu lesen. Der Autor lässt jeder Figur ihr Idiom, was zu einem Sprachwirrwarr zwischen Rätoromanisch, Schwyzerdütsch und unzählig anderen Dialekten führt.

Selbst die in Hochdeutsch gehaltenen Passagen sind verschachtelt und alles andere als flüssig zu lesen. Das mag intellektuell durchaus hoch anzusiedeln sein, doch man muss sich schon völlig der Sprache überlassen, um nicht das Handtuch zu werfen.

Fazit

Eine literarische Herausforderung! Ein extrem komplexer Stil, gepaart mit einer scheinbaren Unendlichkeit der abstrusen und grotesken Szenen. Eingebettet in eine durchaus ansprechende Handlung verlangt Ulrich Becher viel von der Leserschaft. Doch die Lektüre lohnt sich, denn einen solchen Roman findet man nicht so schnell wieder.

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