Ewig währt am längsten

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  • Erschienen: Juni 2022
Ewig währt am längsten
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Thomas Gisbertz
85

Belletristik-Couch Rezension vonJul 2022

Ein Roman wie der Niederrheiner selbst - mal humorvoll, mal schwermütig, aber immer warmherzig

Kaum ist Benno Storch aus dem Bus gestiegen, spürt er wieder diese „Heimatzähe“. Nur noch selten zieht es den knapp Vierzigjährigen aus Freiburg zurück nach Niederkrüchten. Hier bei seinen alten Eltern hat sich kaum etwas verändert. „Und? Wie is et?“ fragt seine Mutter. „Mhm“, antwortet Benno. „Und bei euch?“ „Mhm“, entgegnet die Mutter. Auch die beste Freundin seiner Mutter, Klärchen, wohnt noch mit ihrer schlechtgelaunten Tante Erna nebenan im Doppelhaus. Als Klärchen Benno wiedersieht, beklagt sie sich, wie selten ihre eigene Tochter Sibille, die für einen großen Verlag in München arbeitet, sich zuhause blicken lässt. Und schon fasst sie einen Plan: Sie ruft ihre Tochter an und behauptet, Tante Erna sei gestorben. So ein Begräbnis ist ja eine große Sache. Wer kann da schon Nein sagen.

Am Niederrhein verwurzelt

Autor Markus Orths wurde 1969 in Viersen geboren. Nach seinem Abitur am Humanistischen Gymnasium in Viersen studierte er Philosophie, Romanistik und Anglistik in Freiburg. Den Berufswunsch Lehrer gab er auf, um Schriftsteller zu werden. Heute lebt Orths als freier Autor mit seiner Familie in Karlsruhe.

Seine Bücher sind in insgesamt achtzehn Sprachen übersetzt und wurden vielfach ausgezeichnet. In Paris gewann das Stück „Femme de Chambre“ den Prix Théâtre 13 und den Publikumspreis. Auch sein Roman „Picknick im Dunkeln“ wird 2023 für die Bühne adaptiert. Der Film „Das Zimmermädchen Lynn“ (nach dem Roman „Das Zimmermädchen“) kam 2015 in die Kinos. Zahlreiche Romane des Autors wurden vom WDR, NDR und SWR als Hörspiele produziert. Zudem schreibt Markus Orths seit einigen Jahren Kinderbücher.

Heimat ist unvergesslich

Zugegeben: Wenn man den kleinen Romanband mit dem quietschgelben Einband und dem darauf abgebildeten petrolfarbenden Leichenwagen in Händen hält, erwartet man keine hochtrabende Literatur. Während man aber Seite für Seite liest - mal laut lachend, mal nachdenklich, mal etwas Schwermut verspürend - entwickelt der Roman eine unfassbare Warmherzigkeit, die nur schwer zu erklären ist und sich vielleicht nur dem Niederrheiner vollständig erschließt.

Bereits 2018 schrieb Markus Orths in der Rheinischen Post mit „Geborgenheit riecht nach Hühnersuppe“ einen wundervollen Text über seine Kindheit in Viersen, die bedingungslose Liebe der Eltern und das Zuhause-Gefühl. Letzteres ist es auch, worum es eigentlich im Roman geht, wenn der Protagonist Benno sein altes Kinderzimmer betritt, seine Mutter ihm die heißgeliebten Hefeknödel mit Vanillesoße und eingelegten Pflaumen macht oder wenn ihn das Scheppern des Geschirrs und das Klappern des Bestecks, während die Mutter in der Küche werkelt, auf geheimnisvolle Weise beruhigt.

Gleichzeitig ist es eine Hommage an die Heimat und das, was sie für einen bedeutet: Orte, Personen, Stimmen, Gerüche, Familie. Kurz gesagt: ein Gefühl des Ankommens. Trotz aller Distanz - denn in den Arm nehmen will ihn niemand - spürt Benno Nähe und Geborgenheit. So nimmt er auch die endlosen Monologe seiner Mutter heimlich mit dem Smartphone auf, um ihnen lauschen zu können, wenn ihm in Freiburg „ein Gefühl der Entwurzelung überkommt, der Halt- und Heimatlosigkeit“. Auch das Lachen des Vaters, dessen mitreißender Humor und seine Lebensfreude sind für Benno eine Art Heimat-Anker.

Typisch Niederrhein

Es sind die vielen kleinen Randnotizen über die Eigenarten der Figuren, die den Roman so lesenswert machen. Die Mutter begegnet bei ihrem ersten Saunabesuch ausgerechnet dem Pfarrer, Klärchen hortet seit zwanzig Jahren die dritten Zähne ihres verstorbenen Mannes („Für schlechte Zeiten“) und Bennos Vater bringt dem Bestatter den vergessenen Regenschirm zurück, um mit einem anderen geliehenen Schirm wiederzukommen, da es auf dem Nachhauseweg etwas getröpfelt hat.

Und nicht zu vergessen die unzähligen „niederrheinischen“ Dialoge, die in ihrer Art und Eloquenz an den Kabarettisten Hans-Dieter Hüsch erinnern. Aber der Roman ist nicht nur heiter, sondern stimmt auch nachdenklich, weil das Leben nun einmal zwei Seiten hat. Auch der Tod steht immer wieder im Mittelpunkt: mal humorvoll, wenn die Familie über ökologisch-nachhaltige Grabsteine diskutiert, mal berührend, wenn Bennos Vater wieder einmal bewusst wird, den Sohn vielleicht das letzte Mal zu sehen. Diese ruhigen, stillen Momente, auch wenn Vater und Sohn nachts gemeinsam am Tisch sitzen, gehen unter die Haut. Aber im nächsten Moment überwiegt wieder die niederrheinische Fröhlichkeit. Wie Bennos Mutter so treffend sagt: „Aber wenn man nichts zu lachen hat, dann ist das Leben nicht schön.“

Fazit

Autor Markus Orths beschwört einen Teil verlorener, aber unvergesslicher und liebenswerter Heimat herauf. Etwas, was einen nicht mehr loslässt, weil es Teil von einem ist. Ein Roman, der einen mitnimmt und mitreißt. Und der Erinnerungen und Gefühle weckt, die lange nachhallen.

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