Doppelporträt

  • Erschienen: März 2022
Doppelporträt
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Carola Krauße-Reim
83

Belletristik-Couch Rezension vonJun 2022

Oskar Kokoschka malt Agatha Christie

Die 1940 in Schweden geborene Agneta Pleijel begann bereits 1970 ihre Karriere als Dramatikerin. Während sie in Schweden einen hohen Bekanntheitsgrad besitzt und seit 1998 ständiges Mitglied in der schwedischen Literaturakademie ist, wurden bisher nur wenige ihrer Werke ins Deutsche übersetzt. In „Doppelporträt“ entwirft sie Zwiegespräche zweier sehr unterschiedlicher Persönlichkeiten – des Malers Oskar Kokoschka und seines Modells Agatha Christie.

Zwei Künstlerpersönlichkeiten prallen aufeinander

1969 erhält das Enfant Terrible der österreichischen Maler, Oskar Kokoschka den Auftrag die „Königin des Kriminalromans“, Agatha Christie zu porträtieren. Er nimmt den Auftrag ebenso widerwillig an, wie Agatha Christie sich porträtieren lässt. Doch die beiden nähern sich während der sechs Sitzungen an, öffnen sich dem anderen immer mehr und erzählen sich bisher Unausgesprochenes. 

Eine Mischung aus Realität und Fiktion

Kokoschka und Christie scheinen zwei sehr gegensätzliche Charaktere zu sein: Sie zurückhaltend und eher konservativ, er extrovertiert und provokant. Pleijel baut für ihren Roman ein Gerüst aus Tatsachen auf, das sie durch fiktive Gedankengänge und Dialoge erweitert.

Kokoschka erzählt von seiner manischen Liebe zu Alma Mahler, die ihn in den Krieg entließ, um dann Walter Gropius zu heirateten. Er beschreibt seine jahrelangen Depressionen, die er durch eine lebensgroße Puppe von Alma zu lindern suchte. Christie schildert die Gründe für ihr tagelanges Verschwinden im Dezember 1926. Zeitgleich diskutieren beide über ihre völlig unterschiedlichen Auffassungen von Kunst. Der Roman erscheint wie eine kleine Welle, die sich zu einem Tsunami auswächst. Ganz langsam verlassen die Figuren ihre selbst abgesteckten Räume und lassen die Mauern des Selbstschutzes immer mehr fallen bis sie ihr Innerstes bloßlegen.

Spannung durch minimalistischen Stil

Die Geschichte brilliert weniger durch ihre Handlung, die zwar die Charaktere herausarbeitet, aber dennoch kaum Neues erzählt. Es ist der Stil, der diesen Roman so interessant macht. Pleijel bringt alles genau auf den Punkt, verschwendet keinen ihrer zielgerichteten Sätze für Nebensächliches.

Selbst die Gedanken der Figuren lässt sie selten abschweifen. Alles richtet sich auf den Endpunkt hin aus – das Porträt von Agatha Christie, das ihr Wesen zeigen soll. Dieser sehr minimalistische Stil, der ohne wörtliche Rede auskommt, erzeugt bemerkenswert viel Spannung und wertet damit die relative Handlungsarmut auf.

Gleichzeitig macht die fiktive Geschichte neugierig auf das Porträt, das zu den weniger bekannten des Malers gehört. Wenn man sich nach der Lektüre die gemalte Agatha Christie mit ihren Ecken und Kanten ansieht, glaubt man die Motivation des Malers genauso zu erkennen, wie den Charakter des Modells. Leider ist das Gemälde nicht im Buch abgebildet, hätte es doch die Geschichte wunderbar ergänzt.

Fazit

Ein stilistisches Meisterwerk! Die Handlung baut sich langsam auf, während die minimalistische Sprache fesselt. Auch wenn nur wenige Tatsachen vorkommen und die Fiktion im Roman überwiegt, hat man doch das Gefühl Kokoschka und Christie während der Sitzungen belauscht zu haben.

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