Eine Insel

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Yannic Niehr
77

Belletristik-Couch Rezension vonDez 2022

Ein Archipel der Einsamkeit?

Eine zerklüftete kleine Insel vor der Küste Afrikas: Beinahe unbewohnt trotzt das Eiland der Witterung. Doch es gibt einen, der tatsächlich hier wohnt: Der alte Samuel bedient als Fels in der Brandung den hiesigen Leuchtturm. Abgesehen von der Besatzung des regelmäßig aufschlagenden Versorgungsschiffes lebt Samuel völlig allein und abgeschieden. Das ist ihm auch ganz recht, denn mit der Welt jenseits der Wellen ist er fertig.

Doch schon seit längerem erhält Samuel immer wieder unverhofften Besuch: Flüchtlingsleichen werden an seinem Strand angeschwemmt, und stetig werden es mehr. Eines Tages möchte Samuel einen weiteren solchen Fund „entsorgen“, als er plötzlich mit Schrecken feststellen muss: Der Mann lebt noch!

Nur widerwillig nimmt er den Fremdling in seine Hütte auf, lässt ihn unter seinen Hühnern und innerhalb der Mauern seines selbstangelegten kleinen Gartens wandeln, gibt ihm sogar von seinem Essen – und seiner Gesellschaft. Verständigen können die beiden sich nicht, daher kann Samuel nichts über den Mann und dessen Herkunft in Erfahrung bringen. Ist dieser ihm wohlgesonnen? Oder könnte er gar hinterhältige Motive haben? Mehr und mehr steigert Samuel sich in die wildesten Gedanken hinein – und muss sich im Zuge dessen seiner eigenen, vernarbten Vergangenheit stellen …

„Wir wissen, wie es ist, beraubt zu werden. Wie können wir da anderen das Gleiche antun?“

Karen Jennings, eine 1982 geborene, südafrikanische Autorin, hat einen Masterabschluss im Bereich English Literatures der University of Cape Town inne sowie in Creative Writing an der University of KwaZulu-Natal promoviert. Nach ihrem Romandebüt Finding Soutbek erschien eine frühe Fassung ihres aktuellen Buches An Island erstmals in einer Kurzgeschichtenanthologie zum Short Story Day Africa. Dieser Roman, der 2021 für den Booker Prize nominiert war, ist das erste ihrer Bücher, das auf Deutsch erscheint – dies unter dem Titel Eine Insel im Blessing-Verlag.

„Das Land ist mein. Und ich bin das Land“

Zwar spielt der Roman in der Heimat der Autorin, jedoch wecken das abgelegene Setting und die vage gehaltenen Beschreibungen eher Anklänge an Fabeln oder Folklore. Dennoch spricht aus dem Text ein klares politisches Bewusstsein: Schonungslos skizziert Jennings die Umstände von Samuels Vergangenheit, erzählt vom Aufstieg eines Diktators, von Unruhen und Gerechtigkeitsbestrebungen, von Apathie und Hoffnungslosigkeit, von Gewalt sowohl auf institutioneller als auch auf individueller Ebene. Stark zeigt das Buch dabei auf, wie schnell Freiheit zu Unfreiheit werden und jegliche Solidarität im Keim erstickt werden kann, wenn Menschen weder im Außen noch im Inneren Heimat finden können.

Nachdem er sich als Freiheitskämpfer zunächst für die eine, dann für die andere Seite versuchte, musste Samuel eine qualvolle Zeit im Gefängnis verbringen, nur um danach festzustellen, dass ihm auch das letzte noch so kleine private Glück genommen wird, dass er alle verliert, die ihm je etwas bedeutet haben und dass die Gesellschaft nichts mehr mit ihm anzufangen weiß. Endstation ist für ihn die Stelle als einsamer Leuchtturmwärter. Mit der Ankunft des Mannes setzen sich Versäumnisse und Dramen von früher im Mikrokosmos der Gegenwart fort.

Dieser Spagat zwischen Damals und Jetzt gelingt Jennings nicht immer, und manchmal bleiben Bedeutung und ihr Zusammenhang verschwommen. Dies schafft ein emotionales Verwirrspiel, das bisweilen ein wenig ermüdet und einen direkten Zugang zu den Figuren versperrt. Sehr zu loben ist die intelligente, klare, rhythmische Sprache der Autorin, welche Sentimentalität und Plattitüden vermeidet. Dies macht es leichter, sich durch die zahlreichen Traumata hindurchzuwühlen. Glücklicherweise werden auch versöhnlichere Töne angeschlagen, welche die Hoffnung am Leben erhalten, dass diese Traumata vielleicht doch noch geheilt werden können. Nur in diesen Gefühlskontrasten entfaltet die Handlung ihr volles Potenzial, bevor die Schlusspointe einen kalt erwischt.

Fazit

Eine Insel ist ein lesenswerter kleiner Roman über die diversen Beziehungen zwischen Mensch und Gesellschaft sowie deren Störungen (mit einem – nebenbei erwähnt – wunderschön gestalteten Cover!), der noch etwas besser ausgearbeitet und angespitzt hätte werden können. Literarische Kraft und philosophischen Zündstoff bringt er aber allemal mit.

Eine Insel

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