Ein Zug voller Hoffnung

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Monika Wenger
92

Belletristik-Couch Rezension von Monika Wenger Mai 2022

Kindheit in Neapel

Neapel, 1946: Der siebenjährige Amerigo Speranza wächst in grosser Armut auf. Seine Mutter Antonietta verdient sich ihren Lebensunterhalt mit Näharbeiten und zieht den Jungen alleine auf. Als sie auf eine wohltätige Initiative der Kommunistischen Partei aufmerksam wird, die bedürftigen Kindern einige Monate bei wohlwollenden Menschen im Norden eine unbeschwerte Zeit ermöglicht, meldet sie ihren Sohn an. Mit dabei ist auch Amerigos Freund Tommasino.

«Meine Mama Antonietta hat mir nämlich erklärt, wir sind zwar arm, aber wir klauen nicht, wir sind ja kein Lumpengesindel. Aber Tommasino hat mich bemerkt und für mich auch einen Apfel geklaut. Und weil ich den Apfel ja nicht selbst geklaut, sondern geschenkt bekommen habe, hab’ ich ihn aufgegessen, weil ich hatte wirklich einen Riesenhunger. Und dann waren wir Freunde. Apfelfreunde.» (Quelle: Roman)

Im Norden werden die Kinder von ihren Gastfamilien herzlich empfangen. Sie erhalten zu essen, Kleidung und Schulunterricht. Von ihren Pflegeeltern werden sie wie eigene Kinder behandelt. Für viele Kinder ein unbekanntes Leben. Monate später kehren viele mit gemischten Gefühlen wieder heim. Auch Amerigo kehrt zu seiner Mutter zurück. Er findet sich aber im neuen alten Leben nicht mehr zurecht. Die Ruppigkeit der Mutter, der Hunger, die Armut – die ganze Trostlosigkeit seines jungen Leben belasten ihn. Von Alcide, seinem Pflegevater, hat Amerigo eine Geige erhalten. Als Antonietta nun wegen chronischen Geldmangels Amerigos Geige veräusserst, zerspringt etwas in dem Jungen. Er setzt sich in den nächsten Zug nach Norden.

Ausdrucksstark und berührend

Mit viel Feingefühl und herrlichen Wortspielen setzt die Autorin, Viola Ardone, ihre Hauptfigur in Szene. Die traurigen Hintergründe erhalten dadurch eine gewisse Leichtigkeit, so dass die Trostlosigkeit und Trauer nie Oberhand gewinnen. Ihre Beschreibungen des neapolitanischen Alltags und den eigenbrötlerischen Überlebenskünstlern ist umwerfend und punktgenau. Sie lassen die vielfältigsten Bilder entstehen und man lebt und leidet mit dem kleinen Jungen und seinen Freunden.

In den ersten drei Kapitel erzählt der siebenjährige Amerigo in seiner Kindersprache. Er berichtet aus seiner Sicht und beschreibt seine Wahrnehmung vom Leben in Neapels Strassen und seiner Reise mit dem Zug in den Norden. Es ist berührend, wie er ein anderes Leben entdeckt und neue Erfahrungen sammelt.

« Die Instrumente bringen sie ihm sogar aus den umliegenden Städten und lassen sie hier. Er setzt sich an die Werkbank und macht sie Stück für Stück wieder neu. Es ist schön mit Alcide in seiner Werkstatt. Es ist, als wäre ich auch ein verstimmtes Instrument und er macht mich wieder neu, bevor er mich dahin zurückschickt, wo ich herkomme.» (Quelle: Roman)

Im vierten Kapitel, im Jahr 1994, kehrt Amerigo, inzwischen über fünfzig jährig, nach Neapel zurück. Die Autorin wechselt hier die Sprache und passt sie dem nun in die Jahre gekommenen Amerigo an. Die Rückkehr in seine Kindheit, lange aufgeschoben, ermöglicht ihm nun schrittweise, vergangene Ereignisse mit anderen Augen zu sehen. Sie helfen ihm, die damaligen Umstände endlich richtig einzuordnen. Wie die Autorin diese beiden Welten zusammenfügt, ist bemerkenswert und sprachlich toll umgesetzt.

Fazit

Eine aussergewöhnliche Geschichte über einen liebenswerten Jungen und einer aussergewöhnlichen Initiative. Grossartig formuliert, entfaltet die kraftvolle Sprache ihre volle Wirkung. Ein wunderbares Lesevergnügen.

Ein Zug voller Hoffnung

Viola Ardone, C. Bertelsmann

Ein Zug voller Hoffnung

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