Nachtwanderung

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Monika Wenger
78

Belletristik-Couch Rezension vonMai 2022

Die Jugendzeit in den 90er-Jahren

Als Ines die Einladung zu einem Klassentreffen erhält, stürzt sie das in ein regelrechtes Gefühlschaos. Erinnerungen und die damit verbundenen Gefühle schwappen hoch und die Sehnsucht nach ihrer damaligen Freundin Kirsten macht sich breit. Sie ist damals urplötzlich aus Ines Leben verschwunden. Ausgelöst durch die Einladung, durchforstet Ines ihre Erinnerungen und stellt sich einmal mehr die Frage, was genau hinter Kirstens Verschwinden steckt.

«Sie sass fest unter ihrer Glasglocke, zum Zuschauen verdammt. In dem engen Sozialgefüge ihrer Stufe waren Freundschaften und Feindschaften längst zementiert. Ines war vor Jahren ein Platz zugewiesen worden, und der war neben Kirsten.» (Quelle: Roman)

Beklemmende Gefühle

Zögernd und mit einem beklemmenden Gefühl nimmt Ines die Einladung an und fährt mit ihrer kleinen Tochter Marie zu ihren Eltern. Hier, am Ort ihrer Jugend, sucht sie Antworten auf ihre Fragen und wundert sich über ihr lückenhaftes Gedächtnis. Oder war es damals einfach Gleichgültigkeit?

Das Klassentreffen findet in der alten Schule statt. Das hat auf Ines eine eigenartige Wirkung: Einerseits tauchen Erinnerungen auf, andererseits distanziert sie sich mehr und mehr von ihrer Jugendzeit. Und dann steht plötzlich Kirsten neben ihr. Endlich wird es möglich sein, sie direkt nach der Ursache ihres Verschwindens und ihrem jahrelangen Schweigen zu befragen.

Cornelia Achenbach hat ihren Roman in drei Kapitel eingeteilt. Im ersten Teil erzählt sie von Ines und ihrem Leben mit Mann und Tochter. Ines, die vom vielen Denken und Abwägen erschöpft und überfordert durchs Leben geht. Die Einladung zum Klassentreffen, die in ihr widersprüchliche Gefühle auslöst, wird auch zu einer Rückblende und Lebensanalyse. Geschickt spielt die Autorin mit Distanz und Nähe. Das vermittelt immer wieder eine bedrückende und beengende Stimmung, die unvermittelt zu witzig und humorvoll-ironisch wechseln kann.

Mit Kirsten, der von Ines so schmerzlich vermissten Freundin, befasst sich der zweite Teil. Lange bleibt unklar, weshalb Kirsten damals verschwunden ist. Ihr Leben in der Gegenwart wird durch ihre Vergangenheit und durch ihren Mann geprägt und bestimmt. Die Ereignisse in der Schulzeit haben für sie einschneidende Auswirkungen.

«Hätte sie doch bloss den Mut gehabt, Ines zu sagen, dass sie einem Zuhause niemals näher gewesen war als in genau diesem Moment.» (Quelle: Roman)

Im dritten Teil treffen Ines und Kirsten aufeinander. Das Kapitel trägt deshalb ihre Namen. Die Erinnerungen werden abgeglichen, Gedächtnislücken gefüllt und endlich wird es möglich, über Kirstens Verschwinden und ihr Schweigen zu sprechen. Das tut Cornelia Achenbach mit einer Sprache, die Gefühle treffend in Worte fasst und damit eine unglaubliche Atmosphäre schafft. Die 90er-Jahre, die Biederkeit des Elternhauses, mangelnde Zuwendung, soziale Hierarchien – alles wird greifbar. Und eine wichtige Frage nimmt Form an: Wie haben sich die, die wir damals so bewunderten, entwickelt? Finden wir sie in den heutigen Erwachsenen wieder?

Fazit

Eine tiefgründige und teilweise beklemmende Geschichte über die Schul- und Jugendzeit und den Auswirkungen auf das Erwachsenenleben. Eine beeindruckende Lektüre über eine sensible Zeit.

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