Die Diplomatenallee

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Julian Hübecker
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Belletristik-Couch Rezension von Julian Hübecker Mär 2022

Eine mutige Frau im Spannungsfeld zwischen Ost und West

Bonn als neue Hauptstadt versucht sich an Weltläufigkeit, als sie Botschaften vieler Länder vertreten lässt. Auch die DDR soll dabei sein – jedoch nicht ohne Hintergedanken. Währenddessen gehen in Heikes Schreibwarenladen Diplomatinnen und Diplomaten, Politikerinnen und Politiker ein und aus. Bisher war es ihr normales Tagesgeschäft – bis ihr alter Graphologie-Professor auftaucht und sie in eine Welt der Spionage zerrt, die sie und ihre Familie in den Untergang zu ziehen droht.

„Buttermann konnte aus der Schrift eines Mädchens sogar erkennen, woher es die blauen Flecken auf den Armen hatte – sagte er. Und ob die Eltern ihre Gürtel nur dazu benutzten, um ihre Röcke und Hosen zu halten.“

Nie hätte Heike gedacht, dass sie ihre Vergangenheit wieder einholen würde: Aus einem gewalttätigen Elternhaus stammend, fand sie ihren Weg an das Graphologie-Institut der Universität Bonn. Professor Buttermann war fasziniert von der jungen Frau, die genau das richtige Auge hatte, um die Handschrift anderer Menschen zu analysieren. Die Wissenschaft der Graphologie erlebte zu der Zeit einen Aufschwung, kämpfte sich ans Licht der ernstzunehmenden Wissenschaften.

Heike avancierte zum Aushängeschild des Instituts, schrieb Bücher und hielt Vorträge im Ausland. Bis zu einem verhängnisvollen Vorfall, bei dem eine ihrer Expertisen zum Tod eines Menschen führte. Von Buttermann fallen gelassen und ohne das nötige Vertrauen in ihre Fertigkeiten, zog sie sich zurück, übernahm das Schreibwarengeschäft ihrer Eltern und heiratete Peter, mit dem sie nun zwei Kinder hat.

Ihr bequemes Leben lässt sie die Vergangenheit vergessen – doch dann taucht auf einmal ihr alter Professor bei ihr auf und lädt sie zur Jubiläumsfeier des Instituts ein. Dort macht Buttermann ihr einen zweifelhaften Vorschlag: Sie soll ihn dabei unterstützen, die Lebensläufe von DDR-Bürgern zu analysieren, die zur Ständigen Vertretung in Bonn ausgewählt werden sollen. Heike ist empört: für die Stasi arbeiten? Doch Buttermann lässt keinen Zweifel daran, dass, sollte sie ablehnen, das Verschwinden ihres Bruders vor vielen Jahren unangenehme Fragen aufwirft – Fragen, die Heike längst verdrängt hat …

„In einer Handschrift offenbarte sich alles, was einen Menschen ausmachte, und das war intim, faszinierend. Wer es einmal begriff, den ließ es nie wieder los.“

Historisch betrachtet basiert der Roman auf einem spannenden und wenig beachteten Thema: Die Graphologie war schon immer von zweifelhaftem Ruf, erlangte aber zu Zeiten der Zweistaatlichkeit Deutschlands einen enormen Aufschwung. Die Wissenschaft der Handschrift hatte zum Ziel, aus Geschriebenem die Persönlichkeit des Verfassers abzuleiten. Solche Informationen waren sowohl in der DDR als auch der damaligen Bundesrepublik von großem Nutzen, da jede Art von Auskünften einen wertvollen Vorteil gegenüber dem anderen Staat bot.

Ausgangslage für die Geschichte ist ein heikles Projekt der BRD: die Einrichtung einer Ständigen Vertretung der DDR in der Hauptstadt Bonn. Eine Botschaft der DDR im Westen war ein Pulverfass, aber auch eine Möglichkeit für beide Seiten, Spitzel zu installieren. Da war es seitens der DDR wichtig, die richtigen Leute nach Bonn zu bringen, solche, die dem sozialistisch-diktatorischen Staat treu ergeben waren.

Die imaginäre Figur Heike wird in dieses Spannungsfeld hineingesetzt und zum Spielball zwischen der DDR und dem BND, der möglichst viele Informationen der Gegenseite sammeln musste und aus Heike eine willkommene Spionin machen sollte. Die steigende Gefahr für sie und ihre Kinder wird hier glaubhaft aufgebaut.

Das Grundkonzept stimmt also, dennoch will die Geschichte einfach nicht ankommen. Keine der Figuren kann in irgendeiner Weise überzeugen: Buttermann ist ein widerlicher, anbiedernder Mann, der sich sehr dumm beim Versuch anstellt, Heike ins Boot zu holen; Heike wird wiederholt als „größte Graphologin, die Deutschland je gesehen hat“ vorgestellt – davon konnte sie mich als Leser jedoch nicht überzeugen; ihr Mann Peter stolpert zwischen Zweifeln seiner Frau gegenüber und unumstößlichem Vertrauen hin und her; und die Agenten beider Seiten, die sich bei Heike die Klinke in die Hand geben, agieren stümperhaft – oder all die Agentenfilme und -bücher haben mich zu viel erwarten lassen.

Auch mit dem Schreibstil wurde ich überhaupt nicht warm. Die Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit passierten so plötzlich, dass man sich erstmal neu orientieren muss, bis man merkt, dass man wieder im „Jetzt“ ist.

Auch die ständigen Grübeleien von Heike und Peter, die in Fragezeichen, Ausrufezeichen und gedanklichen Ausrufen münden, gehen irgendwann auf die Nerven. Die Art, wie die Autorin schreibt, hat wohl einfach nicht meinen Geschmack getroffen.

Fazit

Annette Wieners nimmt sich eines Themas an, das sehr spannend ist und hervorragend in das Spannungsfeld zwischen Ost- und Westblock passt. Leider will die Geschichte aber überhaupt nicht zünden – da helfen auch die spannenden Auseinandersetzungen und Heikes Angst um ihre Familie nicht, die immer realer wird, je weiter das Buch fortschreitet.

Die Diplomatenallee

Annette Wieners, Blanvalet

Die Diplomatenallee

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