Die Lüge

- übersetzt von Maria Rajer

- HC, 400 Seiten

Die Lüge
Die Lüge
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Yannic Niehr
88

Belletristik-Couch Rezension vonJun 2022

Auseinanderdriften und wieder zusammenfinden

Der Vater ist abgehauen, die Mutter stirbt an Brustkrebs: Der 4-jährige Mikita sollte danach eigentlich bei seiner Großmutter aufwachsen, wird stattdessen aber in die Obhut seines künstlerisch veranlagten Onkels Slawa gegeben – der letzte Wunsch seiner Mama. Mit dem etwas unkonventionellen Slawa verlebt Miki eine unbeschwerte Kindheit. Ebenfalls sorgt für ihn der etwas stieslige Notfallmediziner Lew, der ebenfalls dort wohnt. Was Miki erst langsam verstehen lernt: Lew ist nicht einfach irgendein Freund der Familie, sondern Slawas Lebensgefährte. Ein Kind, das mit zwei homosexuellen Vätern aufwächst – dies ist in der russischen Gesellschaft nicht gern gesehen. Damit das Jugendamt Slawa Mikita nicht entreißen kann, ist dieser deshalb gezwungen, über die wahre Beziehung seiner Eltern zu lügen. Das Aufwachsen mit dieser Lüge wird den Jungen nicht nur in so manche Identitätskrise stürzen, sondern ihm auch die ein oder andere Lektion fürs Leben erteilen …

„Die Kindheit ist so schön und herzlos zugleich“

Mikita Franko wurde 1997 in eine kasachische Ärztefamilie hineingeboren, für sich selbst hat er aber die Lyrik und Literatur entdeckt. „Er ertrage keine Langeweile, was ihn zwinge, sich dauernd etwas einfallen zu lassen“, so heißt es im Klappentext. Ob Die Lüge abgesehen davon, dass die Hauptfigur den Namen des Autors trägt, weitere biographische Elemente enthält, bleibt den Leser*innen selbst überlassen. Zumindest ist dem jungen Schriftsteller damit eine Familienchronik wie keine zweite gelungen.

„In einer Regenbogenfamilie aufzuwachsen war das geheime Wissen, das ich mitbekommen hatte und nie loswürde“

Der Roman führt durch Kindheit und Jugend von Miki in kurzen Episoden, die oft, aber nicht immer stringent aufeinander aufbauen und einen tagebuchähnlichen Charakter aufweisen. Dabei werden von den Privilegien und Herausforderungen erzählt, in einer als „besonders“ geltenden Familienstruktur aufzuwachsen und die Wechselwirkungen zwischen Individuum und Gesellschaft verhandelt. Dies alles geschieht jedoch auf erfrischend unaufgeregte, fast schon intime und ansprechend offene und authentische Art, da der Leserschaft alles durch die Augen der Hauptfigur offenbart wird und man so eine ganz persönliche Perspektive auf die Dinge erhält. Dabei kommt dem Buch zugute, dass Mikita ein sehr einnehmender Charakter ist: viel zu intelligent für sein Alter, geradezu altklug, brennender Queen-Fan, neugierig, vielseitig interessiert und empathisch – aber (gerade zum letzten Drittel hin) nicht ohne seine Ecken, Kanten und manchmal schockierenden Abgründe.

Langsam gelangt er zu einem Verständnis von seiner Familie, warum sie ungewöhnlich ist und was für eine Rolle das spielt. Über Lebensstationen wie die Einschulung, die erste Liebe und schwere Entscheidungen hinweg wird beschrieben, wie Mikis Beziehung zu seinen Eltern wächst und gedeiht und sich wandelt, welche Werte er hat aufnehmen dürfen, aber auch, welche Belastung die titelgebende Lüge für diese Familie darstellt, welche weiteren Lügen sie nach sich zieht und welche schmerzhaften Krisen diese auslösen.

Die Erzählung schließt auch durchaus provokante und problematische Szenen mit ein, über die man geteilter Meinung sein darf, die aber dank des eindrücklichen Stils dazu einladen, sich dennoch auf die darunter verborgenen, tieferen emotionalen Wahrheiten einzulassen. Klischees und leicht verdauliche, in Zuckerwatte gehüllte Happy Ends, die alle losen Fäden verknüpfen und mit allen Konflikten aufräumen, sucht man hier (größtenteils) zum Glück vergeblich – dafür darf man über Mikitas (Figur wie Autor) leisen, treffsicher eingesetzten Humor schmunzeln.

Fazit

Die Lüge ist ein beeindruckender Familienroman einer unverwechselbaren literarischen Stimme mit großem Talent für philosophische, einfühlsame, aber auch knallhart ehrliche Prosa. Aufwühlend, Anrührend und bedeutsam!

Die Lüge

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