Muttersohn

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Argon, 2011, Seiten: 8, Übersetzt: Martin Walser

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Carsten Germis
Walsers neue Sehnsucht nach Gott

Buch-Rezension von Carsten Germis Aug 2011

Um es gleich am Anfang zu sagen. Muttersohn von Martin Walser ist kein Roman, der es dem Leser leicht macht. Wer Walser kennt und mag, sieht sie bei der Lektüre immer wieder aufblitzen, die Fähigkeit dieses 84 Jahre alten Autors, Humor zu zeigen, die Abgründe der Liebe zu seinem Thema zu machen, Aphorismen in die Welt zu schleudern, die sitzen. Der Mann kann schreiben, auch das beweist er mit seinem Roman wieder einmal. Nur leider nicht auf allen 505 Seiten, durch die sich der Rezensent teils gerne las, teils aber eben auch mit Mühen quälte. Warum das? Vielleicht liegt es am Thema. Walser feiert sich in diesem Roman selbst, er feiert seine späte Berufung zur Religion. Deswegen spielt natürlich auch der heilige Augustinus eine Rolle. Leider nur geraten Walsers Bekenntnisse bisweilen reichlich geschwätzig. Der Rezensent ertappte sich dabei, das Buch bisweilen lesen zu wollen wie in Jugendzeiten Karl May. Dessen  langatmige Beschreibungen wurden einfach überblättert, bis es endlich wieder Handlung gab.

Nun ist Walser nie ein Autor gewesen, dessen Romane vom guten Plot leben. Er ist groß in der Schilderung seiner Figuren, deren Zerrissenheit und Verlorenheit, deren Verstrickungen in den Abgründen der Liebe. Auch Muttersohn handelt von der Liebe, vor allem aber handelt es von der Religion. Es habe ihn fasziniert, dass Glaubenkönnen eine menschliche Fähigkeit ist, ähnlich dem Musikalischsein, hat Walser in einem Interview gesagt. Der Held des Romans, der Muttersohn, ein immer noch junger Mann namens Anton Percy von Schlugen, heilt als Pfleger nicht nur Kranke. Walser macht ihn zum Jesus. "Meine Mutter hat mir gesagt, dass sie mich geboren habe, ohne dass vorher ein Mann nötig gewesen sei." Die Pfarrköchin in Merklingen, der Percy das erzählte, staunt da kein bisschen. "Sondern seine beiden Hände nahm und sagte, ihr sei Percy gleich so vorgekommen, als sei er nicht wie alle anderen. Pfarrer Studer kam, als Schwester Hedwig es ihm weitergesagt hatte, geradezu fröhlich auf Percy zu und sagte: Auf so einen haben wir gewartet."  Und, falls der Leser es vergessen haben sollte, wird es später zur Sicherheit noch einmal erzählt. Wie sich manches wiederholt. Unbefleckte Empfängnis also. Da passt es, dass Walser Percy später sterben lässt, getötet von einem seiner Jünger, dem Treuesten, einem schwäbischen Judas.  Und selbstredend geschieht dieses merkwürdige Verbrechen am 24. Dezember. Walser spielt erzählerisch auf allen Registern, Briefe, Talkshow-Protokoll, Er-Erzähler, Ich-Erzähler, sogar Gedichte – die allerdings nicht seine stärkste Seite sind. Dazu seitenweise Zitate des schwedischen Mystikers Emanuel Swedenborg aus dem 18. Jahrhundert. Da wird dann die "unbeschreibliche Gnade" Gottes beschworen, die "himmlische Ekstase", die die Liebe zu Gott auslösen kann. So schlängelt sich Walsers religiöse Erbauungsprosa von Absatz zu Absatz, von Seite zu Seite. Das liest sich dann in einem Satz bisweilen so: "Die höchste Schule und ihre Kunst, die man hier liest, die ist nichts anderes denn eine ganz vollkommene Gelassenheit seiner selbst, also dass ein Mensch stehe in solcher Entwordenheit, wie immer sich Gott gegen ihn erzeige, mit sich selbst oder mit seinen Kreaturen, in Lieb und Leid, dass er sich des befleißige, dass er allezeit gleich stehe in einem Aufgeben des Seinen, in wie fern es menschliche Dürftigkeit erzeugen mag, und allein Gottes Lob und Ehre ansehe, wie sich der liebe Christus bewies gegen seinen himmlischen Vater." Und dann folgt, alsbald, das: Amen.

Von Percy und Swedenborg nach dem Lesen des ersten Teils schon leicht ermüdet, kommt der Bruch. Im zweiten Teil des Buches blitzt der begnadete Erzähler Walser auf, einer, der das pralle Leben, der die Abgründe der Liebe schildern kann. Es ist der lange Abschiedsbrief des Patienten Ewald Kainz, der nach seinem dritten Selbstmordversuch in die Nervenklinik eingewiesen wurde. Percys Mutter hat Kainz, politisch links und Motorradfahrer, geliebt. Fünf Minuten lang hielt sie ihm das Mikro, als Kainz gegen Radikalenerlass – mit dem DKP-Mitglieder vom Schuldienst ferngehalten wurden – und Vietnamkrieg agitierte. Kainz und Percys Mutter fanden aber nicht zueinander. Da landete ein anderer, ein Alkoholiker, schwul und gewalttätig. Er nannte sich Arno Schmidt, weil er dessen Werke bewunderte. Doch Kainz hadert, kämpft, liebt und leidet. "Unglückliche Geschichten hören nie auf", welch wohltuender Gegensatz zu Percy dem Heiligen.

Überraschend dann auch der dritte Teil des Buches. Jetzt wird der Leiter des psychiatrischen Krankenhauses zum Ich-Erzähler. August Feinlein heißt er, Nachfahr eines Abtes. Bereits im vergangenen Jahr ist Feinleins Kapitel als eigenständige Novelle erschienen. "Mein Jenseits" war der Titel, Religion das Thema, "der Glaubende, ob er glaubt oder nicht glaubt, beruft sich auf sich selber." Die Literaturkritik hat die Novelle damals wohlwollend aufgenommen. Zu recht. Feinlein, so eine Art Ersatzvater des jungen Percy, aber auch sein größter Jünger, wurde einst die große Liebe ausgespannt von seinem Gegenspieler, einem jungen Karrieristen. Feinlein klaut Reliquien, auc er hadert, zaudert, liebt unglücklich, leidet. In Muttersohn ragt der Text wie ein Fremdkörper heraus, der zu den phrasenhaften Passagen aus den Teilen so gar nicht passen mag, in denen Percy, der neue Jesus unserer Zeit, spricht. Wo Feinlein oder Kainz wie lebendige Figuren erscheinen, wo Walser zeigt, was für ein Buch er hätte schreiben können, bleibt ausgerechnet Percy – der den größten Teil der mehr als 500 Seiten füllt – merkwürdig unjung und blass. Stärkste Szene ist da noch eine Talkshow, in der Percy zu Gast ist und in der Walsers Humor durchscheint wie sonst selten. Das Problem: Wer diese 15 Seiten Talkshow-Protokoll liest, dem ist fast alles schon gesagt, was sich über Percy sagen lässt.

Walser ist ein großer, alter Mann der deutschen Literatur. Und einer der produktivsten Schriftsteller, die wir haben. An Muttersohn aber hätte er ein bisschen länger arbeiten sollen. Das hätte ein großer Wurf werden können, mit etwas mehr Struktur, etwas Straffung, etwas weniger selbstgewisser Geschwätzigkeit. Es ist ein zielloses Erzählen, das dem Buch Züge von Langatmigkeit gibt. Gut bleibt Walser da, wo er immer gut war, im Ausloten seiner Figuren wie Feinlein oder Kainz. Mit dem jungen Percy, dem Muttersohn, der in der Talkshow gefragt wird, "dass Sie mit Nazareth konkurrieren, ist Ihnen bewusst?" ist Walser wohl selbst nicht richtig warm geworden. Zu viel Scheu vor dem selbst geschaffenen  Jesus unserer Zeit? Walser hat dem dritten Teil seines Romans, in dem Feinlein erzählt, eine Widmung von Jakob Böhme vorangestellt. "Wer es verstehen kann, der versteht es. Wer aber nicht, der lasse es ungelästert und ungetadelt. Dem habe ich nichts geschrieben. Ich habe für mich geschrieben." Vielleicht hätte Walser den ersten Satz, den er Feinlein auf der folgenden Seite sagen lässt, eher beherzigen sollen: "Je älter man wird, desto mehr empfiehlt es sich, darauf zu achten, wie man auf andere wirkt."

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