Omertà

  • Suhrkamp
  • Erschienen: März 2022

- übersetzt von Terézia Mora

- HC, 950 Seiten

Omertà
Omertà
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Laura Müller
40

Belletristik-Couch Rezension vonJun 2022

Ein gesellschaftliches Projekt

Der Gärtner

Vilmos ist Rosenzüchter am Ende der 40er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Wenn es nach ihm ginge, würde sich an seinem Alltag nichts ändern. Aber die sowjetische Regierung hat sich Anderes in den Kopf gesetzt. Die bäuerliche Wirtschaft soll der Allgemeinheit zum Nutzen werden und Vilmos Fähigkeiten sollen dem Staat zu internationalem Ansehen verhelfen, indem sein Garten zum Versuchsgarten für Obstsorten und besondere Rosenzüchtungen umgewandelt wird. Für Vilmos verändert sich die Welt von einem Tag auf den anderen und ehe er sich versieht, befindet er sich im Überwachungs- und Leistungskader des Stalinismus, aus dem es kein Zurück mehr gibt.

Die Geschichte

Ungarn gehörte nach dem zweiten Weltkrieg zu den Ländern, die hinter dem Eisernen Vorhang der Ostblockstaaten verschwanden. Menschliche Säuberungen, Falschaussagen und Verrat Dritter zum eigenen Wohl und staatliche Überwachung schnürte eine breite Gesellschaft ein. Mit stoischem Schweigen besiegelten sie das Unrecht, das ihnen widerfuhr, aus Selbstschutz. Bis ins Heute hinein reichen familiäre Spaltungen sowie gesellschaftliche Risse, die ein Grundvertrauen in den Staat mit der Angst um das eigene Wohl bei Kritikäußerung verwechseln. Gesellschaftlich hoch interessant unter dem Aspekt der europäischen Gemeinschaft, entwickelt das Buch nicht sein mögliches Potenzial.

Ein gut gemeinter Versuch

Das Rosenzüchten als Parabel für gesellschaftlicher Manipulation im Staatlichen Auftrag.

Dem Leser wird mit diesem Buch eine Menge Zugemutet.

An erster Stelle inhaltlich, weil tatsächlich wenig geschieht. Bis man endlich das metaphorische Bild zu ahnen glaubt, muss man die ersten 600 Seiten überstanden haben. Der Versuch von Tompa, fünf Personen aus unterschiedlichen Schichten, die Geschichte eines Staates erzählen zu lassen, dem Individualität und gesellschaftlicher Wohlstand, Gerechtigkeit und Freiheit eine Erfindung des feindlichen Westens sind und darum bis aufs Ärgste bekämpft werden müssen, ist eine gute Idee, hätte sich aber auch mit der Hälfte an beschriebenen Seiten erzählen lassen.

Gerade der Einstieg in das Buch wird dem Leser verleidet. Kali erzählt über 200 Seiten, wie sie ihrem prügelnden Mann davonläuft und schließlich bei Vilmos einen guten und sicheren Ort findet. Als Leser hat man allerdings das Gefühl, ständig zu stolpern. Nach den ersten zehn Seiten über holprige, unvollständige und stockende Sätze fragt man sich, ob die sprachliche Diskontinuität Absicht ist oder es sich um eine lückenhaft lektorierte Ausgabe handelt, die man in der Hand hält. Da der Text aber genau in dieser Weise beabsichtigt war, bleibt die Frage im Raum zurück, warum man anstatt von sprachlicher Zumutung von unerhörter Sprache bei diesem Buch spricht.

Fazit

Ein Buch für alle Literaturkritiker und Linguisten, die sich nichts Schöneres vorstellen können, als über Text und Sprache nachzudenken.

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