Via Torino

- HC, 416 Seiten

Via Torino
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Monika Wenger
82

Belletristik-Couch Rezension vonApr 2022

Rebellion und Kampf

Eleonora schmeisst ihr Jurastudium und reist Ende der 60er-Jahre mit ihrem Studienkollegen Tommaso nach Turin, um an den Kundgebungen der Arbeiterbewegung teilzunehmen. Für Eleonora ist es nicht nur ein Aufbegehren gegen ihr Elternhaus, sondern auch ein Kampf gegen starre gesellschaftliche Regeln. In Italien lernt sie nicht nur kämpfen und einstecken, sondern begegnet auch ihrer grossen Liebe Valerio.

Eigenwillige Frauen

Mehr als zwanzig Jahre später, kehrt Eleonoras und Valerios Tochter Rosalia schwanger aus Florenz zurück. Über den Vater des Kindes schweigt sie sich eisern aus. Sie weigert sich, je wieder einen Fuss nach Italien zu setzen, obwohl ihre Eltern ein kleines Haus in der Toskana besitzen und regelmässig dorthin verreisen. Mit Hilfe ihrer Eltern kann sie ihre Tochter Milena aufziehen und ihr Biologiestudium abschliessen.

Milena, ganz Tochter ihrer Mutter und Enkelin ihrer Grossmutter, steht in Sachen Eigensinn und Sturheit den beiden Frauen in nichts nach. Sie will endlich mehr über ihren Vater erfahren, findet jedoch mit ihrem Ansinnen bei ihrer Mutter kein Gehör. Im Alter von vierzehn Jahren macht sie sich heimlich auf die Suche nach ihrem italienischen Vater und vermag damit die Familie ordentlich zu überraschen.

Eine anregende und spannende Lektüre mit viel Italianità. 

Die Autorin Aja Leuthner kann ihre Liebe zu Italien nicht verleugnen. Mit diesem Roman setzt sie ihrer tiefen Verbundenheit ein Zeichen. Gelungen ist ihr eine wunderbare Geschichte einer italienisch-deutschen Familie über drei Zeitebenen. Die Protagonistinnen verfügen über Charakterstärke und Eigensinn. Da ist die rebellische Eleonora, die Ende der 60er-Jahre die Arbeiter- und Studentenbewegung in Turin unterstützt. Als sie sich in den Sizilianer Valerio verliebt und mit ihm nach Deutschland zurückkehrt, ist dies ein gesellschaftlicher Affront. Ihre gemeinsame Tochter Rosalia bekommt den Migrationshintergrund Jahre später nach wie vor zu spüren. Doch sie lässt sich nicht beirren und geht ihren Weg – genau wie damals ihre Mutter. Auch Milena, die Jüngste, geht ihren ganz eigenen Weg.

Die Reise durch die Jahre und durch Italien erzählt von schwierigen Zeiten wie den Unruhen und Streiks der Fiat Mitarbeiter in Turin Ende der 60er-Jahre.

«Von Davide hatte sie erfahren, dass vor einigen Tagen erneut Arbeiter entlassen worden waren. Sie hatten sich geweigert weiterzumachen, weil die Bandgeschwindigkeit in ihrem Bereich schon wieder erhöht worden war. Vom Cinquecento, den die Italiener «topolino», Mäuschen, nannten, waren die Menschen in diesem Jahr so begeistert, dass Fiat die Nachfrage kaum befrieden konnte, also mussten immer mehr und noch mehr seiner Art über die Bänder laufen.» (Quelle: Roman)

Sie spiegelt die Gesellschaft der 60er und 70er Jahre und damit verbunden die Migration und Integration. Aber auch familiäre Schwierigkeiten, soziale Unterschiede und Liebeskummer sind wichtige Bestandteile der Geschichte. Eine anregende und spannende Lektüre mit viel Italianità. 

Fazit

Der Roman ist eine Herzensangelegenheit und zeugt von der Liebe der Autorin zu Italien. Stimmig und gut recherchiert ist es eine wunderbare Reise mit drei aussergewöhnlichen Frauen durch verschiedene Zeiten und durch Italien.

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