Hier sind Löwen

  • S. Fischer
  • Erschienen: Januar 2022

- TB, 288 Seiten

Hier sind Löwen
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Monika Wenger
78

Belletristik-Couch Rezension von Monika Wenger Jan 2022

Das Eintauchen in die Geschichte eines Landes und das Entdecken eines alten Handwerks

Die Geschichte von Helen Mazavian und ihrer Suche nach ihren armenischen Wurzeln basiert auf den Gräueltaten an der armenischen Bevölkerung zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Ein Ereignis, welches nicht in Vergessenheit geraten darf.

Helen Mazavian ist Buchrestauratorin aus Deutschland. Die Beschäftigung mit alten Büchern ist ihre Leidenschaft. Nun ermöglicht ihr die Teilnahme an einem Austauschprogramm einen Aufenthalt in Jerewan. Im Zentralarchiv für armenische Handschriften erhält sie die Chance, die spezielle armenische Buchbindetechnik zu erlernen. Diese Reise ist für Helen jedoch weit mehr, als nur das Kennenlernen neuer Techniken: Es ist ein Eintauchen in die Geschichte und Kultur Armeniens und bald auch eine Suche nach den eigenen Wurzeln. 

Leerstellen füllen

Helens Mutter ist Armenierin und hat ihrer Tochter kurz vor der Reise ein altes Familienfoto aus dem Jahr 1915 mit auf den Weg gegeben. Helen soll sich doch, wenn sie schon mal in Jerewan sei, auf die Suche nach Verwandten begeben. In Helens Kindheit hat die Mutter ihre armenische Vergangenheit in Form von Fotos des Genozids in einem Kellerraum aufgehoben. Sie hat – im Kampf gegen das Vergessen – die Bilder an die Wand gehängt und sie stundenlang betrachtet.

In Jerewan widmet sich Helen vorerst ihrer eigentlichen Arbeit, dem Erlernen der speziellen Buchbindetechnik. Sie restauriert eine alte Familienbibel, welche ihr die Geschichte der Flucht der beiden Kinder Anahid und Hrant erzählt. Dieses auseinanderfallende Buch wird für Helen die Verbindung in die Vergangenheit.

Während ihrer Arbeit an der alten Familienbibel, einem Heilevangeliar, taucht sie ein in die Geschichte Armeniens. Hastig gekritzelte Bemerkungen an den Seitenrändern des alten Buches lassen noch einmal die schreckliche Zeit der Völkermorde auferstehen.

Der Titel des Romans «Hier sind Löwen» von Katerina Poladjan hat seinen Ursprung in der Vergangenheit, als leere Landkartenflecken – nicht erkundete Gebiete – von den Römern mit «Hic sunt leones» bezeichnet wurden. Und genau solche Leerstellen in der alten Familienbibel, die sie restauriert, versucht die Hauptfigur Helen zu füllen. Aber auch die plötzlich feststellbaren Leerstellen in ihrem eigenen Leben wollen gefüllt werden.

Das Vorgehen beim Restaurieren entbehrt nicht einer gewissen Symbolik: Genau wie bei einem auseinanderfallenden Objekt kratzt und schabt Helen an ihrem Leben.

Sie stürzt sich in eine Liebesaffäre mit einem armenischen Musiker und Soldaten, obwohl zu Hause jemand auf sie wartet. Und sie macht sich auf die Suche nach verbliebenen Verwandten. Für Helen vermischen sich plötzlich Vergangenheit und Gegenwart.

«Wenn die Bäume ganz jung sind, sind sie weich und biegsam, und wenn sie alt sind, werden sie hart und trocken. Wie die Menschen.» (Quelle: Roman)

Die Autorin nimmt den Genozid an der armenischen Bevölkerung zum Thema und erzählt mit der Person der Helen, wie sich die Geschichte bis in die Gegenwart auf Land und Leute auswirkt. Teils sprunghaft wechselt die Autorin die Zeitebenen. Der Text ist nicht immer geschmeidig und wirkt manchmal sehr distanziert. Die fehlende Nähe, diese Distanziertheit, könnte aber auch als eine Art Barriere dienen – als emotionale Verschnaufpause. Er lässt ausreichend Spielraum für Gedankengänge. 

Ausgleichend zum schrecklichen historischen Hintergrund beschreibt Katerina Poladjan mit bemerkenswerter Detailgenauigkeit die Arbeiten in der Werkstatt des Zentralarchivs für armenische Handschriften und die spezielle armenische Buchbindetechnik.

Fazit

Der Roman «Hier sind Löwen» ist eine nicht ganz alltägliche und auch nicht einfache Lektüre einer Spurensuche. Er verbindet Historisches mit der Gegenwart und ermöglicht damit eine ganz besondere Art der Annäherung an die armenische Kultur.

Hier sind Löwen

Katerina Poladjan, S. Fischer

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